Dr. Raffael Huber

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Anfang November kündigte die Stellar Development Foundation an, 55 Milliarden Stellar-Token (XLM) verbrannt zu haben, also etwa die Hälfte des gesamten Bestands. Dies führte zu einer vorübergehenden Erhöhung des Preises um ca. 30%, welcher jedoch relativ schnell auf den ursprünglichen Stand zurückfiel. Token Burns sind in der Kryptowährungswelt nicht selten – wichtige Token wie MakerDAO MKR, Binance BNB und Bitfinex LEO werden regelmässig verbrannt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Token zu verbrennen. Eine der beiden wichtigsten Methoden besteht darin, die Token an eine Adresse zu senden, für die niemand den privaten Schlüssel besitzt. Die Ethereum-Adresse 0x0 (eine gängige Burn-Adresse) enthält beispielsweise ERC-20-Token im Wert von über 900 Mio. USD. Eine andere, möglicherweise bessere Methode besteht darin, eine “Burn”-Funktion in den Smart Contract oder in das Protokoll aufzunehmen, das den Token ausstellt. Der Vorteil besteht darin, dass die verbrannte Menge vom Gesamtbestand abgezogen werden kann und somit die tatsächlichen Burn Events transparenter widerspiegelt.

Token werden in der Regel verbrannt, da eine Reduzierung des Gesamtangebots normalerweise einen höheren Token-Preis zur Folge hat. Der Markt muss sich jedoch noch aktiv an das reduzierte Angebot anpassen – wie das Beispiel der umfangreichen Verbrennung von Stellar zeigt, ist eine Korrelation zwischen Burns und nachhaltigen Preiserhöhungen bei Weitem nicht sicher. Anders liegt der Fall bei Direktausschüttungs-Token: Ein einfaches Beispiel für einen der ältesten Token mit einem solchen Mechanismus wäre DICE, ein Token für ein Online-Würfelspiel, der durch Hausgewinne Dividenden direkt an die Tokenbesitzer auszahlt.

Angesichts der zunehmenden Bedeutung von DeFi ist MKR ein interessanter Token, der regelmässig verbrannt wird.

Abbildung 1: MKR von MakerDAO hat bisher keine starke Korrelation zwischen Token Burns und seinem Preis.
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Quelle: etherscan.io, Bitcoin Suisse Research.

Die Grafik zeigt, dass eine erhöhte Burning-Aktivität nicht unbedingt mit einer Erhöhung des MKR-Preises korreliert. Bisher wurden nur etwa 0,5% des gesamten MKR-Bestands als Stabilitätsgebühren für offene CDPs (in der neuen Terminologie von Maker “Vaults”) verbrannt. Da die Stabilitätsgebühren jedoch erst beim Schliessen der CDP zu entrichten sind, werden künftig weitere 8’400 MKR-Token (0,84% des Gesamtbestands) aus aktuell aufgelaufenen Gebühren verbrannt. Die Migration auf mehrfach besicherte Dai, die am 18. November begann, könnte zu einer erhöhten Burn-Aktivität führen. Die CDPs werden nämlich gezwungen sein, zu schliessen, die Stabilitätsgebühr zu zahlen und mit dem neuen Protokoll neu zu starten.

Eine weitere prominente Klasse von Token, die oft über Burning-Mechanismen verfügen, sind Exchange-Tokens wie KNC (der dezentralen Exchange Kyber) oder BNB (der Token von Binance).

Abbildung 2: Der KNC-Kurs (oben) hat kaum auf das kontinuierliche Verbrennen von Token reagiert, während BNB (unten) die meisten anderen Kryptowährungen stark übertroffen hat.

Quelle: etherscan.io, Binance, Bitcoin Suisse Research

Der KNC-Preis von Kyber hat auf die kontinuierliche Verbrennung von derzeit 1,32% des Gesamtbestands bisher kaum reagiert. BNB hat dagegen besser als die meisten anderen Kryptowährungen abgeschnitten. Dies kann darauf zurückzuführen sein, dass bisher ganze 7,26% des Gesamtbestands verbrannt wurden. Binance wird Token aufgrund der hohen Gewinne weiter verbrennen, bis der Bestand 100 Millionen Token erreicht.

Dies dürfte jedoch nicht der einzige Grund für die Outperformance von BNB gewesen sein. Zu den Nutzen-Aspekten von BNB gehören auch um 25% geringere Handelsgebühren sowie die höhere Wahrscheinlichkeit, an IEOs teilzunehmen, die je nach BNB-Bestand auf einem Händlerkonto an der Exchange lanciert werden. Eine Analyse von Token Burns im Vergleich zum Preis in einem Vakuum zeigt jedoch nicht das Gesamtbild dessen, was den Wert eines Utility-Tokens antreibt.

Ein Token Burn ist kein Aktienrückkauf

Ein Token Burn kann aus zwei Gründen nicht mit einem Aktienrückkauf verglichen werden: Zunächst einmal spricht man von Rückkauf, wenn ein Unternehmen seine eigenen Aktien kauft, die auf dem freien Markt gehandelt werden. Als Stellar zum Beispiel 55 Milliarden Münzen verbrannte, kauften sie die Münzen, die Teil von Stellars Float waren, nicht auf dem freien Markt auf. Stattdessen verbrannten Stellar Token, die vom Entwicklungsteam gehalten und nicht auf dem freiem Markt gehandelt wurden. Zweitens stellt die Mehrheit der verbrannten Token kein Eigenkapital eines Unternehmen dar. Folglich sind Coin- oder Token-Anleger nicht stärker am Kapital des Unternehmens und dessen künftigen Cashflows beteiligt. Führt ein Unternehmen einen Rückkauf durch, dann sinkt die Verbindlichkeit der Anteilseigner und das Barvermögen des Unternehmens nimmt ab. Verbrennt jedoch ein Kryptowährungsunternehmen Coins, die es vom Markt zurückhält, bedeutet dies eine geringere Aktivseite und keine anschliessende Verrechnung mit der Passivseite, da Zahlungs-Token laut FINMA für die Emittenten keine Verbindlichkeiten darstellen.

Einige der vielen Token-Burn-Mechanismen sind in puncto Preiserhöhung der Coin effektiver als andere. Die vier wichtigsten Burn-Methoden sind: ICO-Burns, Circulation (VeChain, Tron), Out of Circulation (EOS, Stellar) sowie Burning während jeder Transaktion (XRP, ETH mit EIP-1559). Die vierteljährlichen Token-Burns von Binance haben keinen signifikanten Einfluss auf den Preis der Binance Coin (BNB), wirken sich aber positiv auf die Änderungs- und Wachstumsrate des BNB-Preises aus. Zur Untersuchung des Preises wurden zwei separate Modelle verwendet: Im ersten Modell wurde eine Regression des Logarithmus des BNB-Preises in Abhängigkeit des Logarithmus des BNB-Angebots mit einer Dummy-Variablen durchgeführt, die den Tagen entspricht, an denen Binance Verbrennungen durchführte, sowie weiteren Kontrollvariablen für Handelsvolumen, Marktkapitalisierung und Volatilität. Die Dummy-Variable wurde auf “0” gesetzt, wenn an diesem Tag ein Token Burn stattfand, und auf “1”, wenn an diesem Tag kein Token Burn erfolgte.

Die Ergebnisse für das erste Modell waren nicht signifikant. Das zweite Modell folgte einem Differenz-von-Differenzen-Ansatz zur Erfassung endogener unabhängiger Variablen, die vom Modell nicht direkt berücksichtigt wurden. An Tagen, an denen ein Rückkauf stattfand, lag die Wachstumsrate des Binance-Preises um 0,02 höher als an Tagen, an denen kein Burn erfolgte. Die Ergebnisse waren signifikant mit einem Signifikanzniveau von 10%. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Nullhypothese irrtümlich verworfen wird, beträgt also 10%. Anders ausgedrückt wurde in 10% der Fälle festgestellt, dass die Binance-Burns einen positiven Einfluss auf die Wachstumsrate haben, obwohl es in Wirklichkeit keine Auswirkungen gibt. Abbildung 3 zeigt, dass die Wachstumsrate des Angebots an den meisten Tagen null betrug. An den Burn-Tagen reichte der Angebotsschock von -0,004 bis -0,013, und bei einigen Burns stieg der Preis, während er bei anderen sank.

Abbildung 3: Die neun Verbrennungen von Binance hatten einen kurzlebigen positiven Einfluss auf den Preis.
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Quelle: coinmetrics.io, Incrementum AG

Die Dauer der positiven Wachstumsrate wurde mit zeitversetzten Variablen (1 Woche, 2 Wochen und 1 Monat) analysiert, und keine der Rückkaufverzögerungen (1 Woche, 2 Wochen, 1 Monat) hatte einen wesentlichen Einfluss auf den Preis. Dies deutet darauf hin, dass der Effekt nur vorübergehend ist und weniger als eine Woche anhält. Diese Analyse beruht auf einer kleinen Datenmenge, weshalb sich die Ergebnisse ändern können, da in Zukunft Binance mehr Burns durchführen wird.

Eine Verbrennung, mit der das auf dem freien Markt zirkulierende Angebot eines Token um 50% gesenkt wird, sollte zu einer Verdoppelung oder 100-prozentigen Erhöhung des Coin-Preises führen. Dieser Gewinn kann jedoch von kurzer Dauer sein, da dies den Investoren signalisieren kann, dass dem Unternehmen keine bessere Investitionsmöglichkeit zur Verfügung stand, wie z. B. die Entwicklung neuer Coin-Funktionen, die die Nutzer-Akzeptanz und das organische Wachstum fördern könnten.

Zudem verhält sich die reale Welt selten wie ein Wirtschaftsmodell, denn nicht alle Variablen bleiben konstant. Selbst wenn ein Unternehmen Token vom Sekundärmarkt zurückkauft, könnte dies durch neue Coins ausgeglichen werden, die durch verkaufswillige Anleger, Akteure oder Miner auf den Markt gelangen. Zudem lernen Anleger im Lauf der Zeit dazu. Erwarten Anleger, dass der Preis eines Token positiv auf einen zukünftigen Token Burn reagieren wird, so könnten sie in den Token investieren, bevor er verbrannt wird, und so auf einen Kapitalgewinn setzen.