Dr. Raffael Huber

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Regulatorische Fortschritte
Für Kryptovermögenswerte gibt es immer klarere Regeln. Kürzlich haben sowohl die Europäische Union als auch die Schweiz Fortschritte bei der Schaffung eines Rechtsrahmens für die Ausgabe und den Umgang mit Krypto-Assets erzielt.

Möglicherweise aufgrund von Projekten mit potenziell sofortiger und globaler Wirkung wie Libra erklärten die Finanzminister Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Spaniens und der Niederlande gemeinsam, dass Stablecoins erst dann in der EU zulässig sein sollten, wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen festgelegt sind.

Zwischenzeitlich hat die Europäische Kommission einen Vorschlagsentwurf vorgestellt. Der Entwurf zielt auf die Umsetzung von vier Zielen ab:

  • Herstellung von Rechtsklarheit und Rechtssicherheit bei der Nutzung von DLT in Finanzdienstleistungen;
  • Förderung von Innovation und fairem Wettbewerb;
  • Schutz von Verbrauchern und Anlegern;
  • Festigung der finanziellen Stabilität und Verringerung geldpolitischer Risiken.

Gemäss diesem Vorschlag soll das Regelwerk in allen EU-Mitgliedstaaten vereinheitlicht werden. Konkret heisst das, dass Richtlinien für die Ausgabe von Kryptovermögenswerten vorgeschlagen werden. Diesen Richtlinien zufolge muss jeder Emittent von Krypto-Assets ein Whitepaper (das beispielsweise die Rechte von Token-Inhabern darlegt) veröffentlichen – ähnlich den bisherigen Dokumentationsanforderungen für Finanzprodukte wie wesentliche Anlegerinformationen oder ein Verkaufsprospekt. Die Veröffentlichung von Whitepapers ist im Kryptobereich bereits gängige Praxis, diese sind jedoch oft von unterschiedlicher Qualität. Darüber hinaus müssen sich vor allem Emittenten von Asset Backed Tokens wie Stablecoins oder “E-Money Tokens” als Kreditinstitut oder E-Geld-Institut registrieren lassen. Neue vereinheitlichte Lizenzen und die verbindliche Nutzung vorhandener Lizenzen werden das ermöglichen, was derzeit noch fehlt, nämlich Geschäfte über den Passporting-Mechanismus von einem EU-Mitgliedstaat aus am gesamten Markt abwickeln zu können.

Beim Thema Stablecoins wird eine Unterscheidung gemacht: Algorithmische Stablecoins, die versuchen, den Token-Preis durch die Kontrolle von Angebot und Nachfrage und ohne Bezugnahme auf eine Fiatwährung zu stabilisieren, werden gesondert behandelt, aber ihre Vermarktung als “stabile Coins” wäre nach dem Vorschlag unzulässig. Es ist unklar, ob eine algorithmische “Stablecoin”, die sich beispielsweise auf Inflationskennzahlen wie den VPI bezieht, unter diese Regelungen fallen wird.

Gemäss dem Vorschlag sind ausserdem die Zentralbanken von diesen Vorschriften befreit, was die Ausgabe eines digitalen Zentralbankgelds (engl.: Central Bank Digital Currency, CBDC) vereinfachen würde. Die EZB und andere Zentralbanken befassen sich derzeit aktiv mit diesem Thema.

 

Schweizer DLT-Gesetz verabschiedet
In der letzten Woche hat das Schweizer Parlament – ohne Einwände – Anpassungen des schweizerischen Rechts zugestimmt, die den Einsatz der Distributed Ledger Technology (DLT) betreffen und regeln sollen. Das Gesetz wurde dem Parlament ursprünglich im November 2019 zur Vernehmlassung vorgelegt. Ziel ist es, die Möglichkeiten von DLT zu nutzen und die Rechtssicherheit für Unternehmen zu verbessern, die die Technologie in ihre Verfahren integrieren wollen. Ein weiterer Punkt ist die Behandlung von Krypto-Assets im Fall eines Konkurses. Mit dem Gesetz sollen zudem aktuelle Praktiken und Auslegungen in formelles Recht übernommen werden. Es werden Änderungen sowohl des Zivilrechts als auch des Finanzmarktrechts vorgenommen, die unter anderem eine neue Finanzmarktinfrastruktur mit DLT-basierten Handelssystemen ermöglichen.

 

Bitcoin- und Schnorr-Signaturen
Mittlerweile sind die Bitcoin-Core-Developer einen Schritt dabei weitergekommen, den Support für Schnorr-Signaturen in Bitcoin durch die Integration des entsprechenden Bitcoin-Verbesserungsvorschlags (BIP-340) in die secp256k1-Bibliothek zu ermöglichen. Der Vorschlag stammt aus dem Jahr 2018.

Schnorr-Signaturen sind den elliptischen Kurven-Signaturen (ECDSA, der aktuelle Signaturalgorithmus von Bitcoin) potenziell überlegen. Sie führen dazu, dass Transaktionen mit Mehrfachsignatur in Bezug auf die Signaturgrösse nicht von “normalen” Transaktionen mit einer einzigen Signatur unterschieden werden können, was die Pseudonymitätsmerkmale von Bitcoin verbessert. Theoretisch würden sie auch dazu beitragen, die Skalierbarkeit von Bitcoin zu optimieren, da die Signaturgrösse von Transaktionen mit mehreren nicht ausgegebenen Transaktionsausgängen (UTXOs) reduziert werden könnte.

Eine weitere Funktion ist, dass Transaktionen, die Kanäle im Lightning Network alszweite Skalierungstechnologie für Bitcoin öffnen und schliessen, gleichwertig und genauso teuer aussehen würden wie reguläre Transaktionen.

 

Wachstum von Bitcoin auf Ethereum
Das Lightning Network bekundet jedoch immer noch Mühe, an Zugkraft zu gewinnen. Wie sich bisher zeigt, fungiert Ethereum de facto als “Layer 2 von Bitcoin” – die Menge an Bitcoin, die nun in tokenisierter Form auf Ethereum vorhanden ist, ist in den letzten Monaten, inmitten dem allgemeinen Hype für Decentralized Finance (DeFi), explodiert.

Abbildung 1: Derzeit befinden sich fast 90’000 BTC (rund 900 Mio. USD) in tokenisierter Form auf Ethereum, während das Lightning Network über Kapazitäten von etwa 1’100 BTC verfügt.
BTC-on-ETH
Quellen: btconethereum.com, bitcoinvisuals.com, Bitcoin Suisse Research.

Wie Abbildung 1 zeigt, stellt die Menge an Bitcoin, die auf Ethereum in Tokens umgewandelt wird, die im Lightning Network gesperrte Menge bei weitem in den Schatten Dies ist wohl vor allem auf die Möglichkeit zurückzuführen, Bitcoin zu besichern und damit “Yield Farming” zu betreiben, wodurch hohe BTC-Erträge erzielt werden können, die ansonsten im Cold Storage bleiben würden (wenn auch mit einem ganz anderen Risikoprofil der Renditen).

Diese synergetische Interaktion zwischen den beiden (nach Marktkapitalisierung) grössten Blockchains verbessert das Leistungsversprechen beider Chains – Bitcoin kann jetzt leicht mit DeFi auf Ethereum besichert werden. Wenn nicht verbrauensbasierte Brücken zwischen den beiden Chains (wie sie beispielsweise vom RenVM angewendet werden) gebaut werden können, wird der gesamte Prozess sowohl nicht berechnungsbasiert als auch nicht vertrauensbasiert. Insbesondere wäre das fehlende Berechtigungssystem (permissionless) ein Vorteil des “digitalen Goldes” gegenüber normalem Gold. Längerfristig könnte die Verlagerung von Bitcoin aus der nativen Blockchain jedoch auch die Einnahmen der Miner aus Transaktionsgebühren verringern, wenn eine solche Verlagerung in grossen Mengen erfolgt. Dieser Punkt wird immer relevanter, da die Blocksubventionen durch die Prämienhalbierungen reduziert werden.

 

ERC-721: Nicht fungible Token
Neben der Zunahme des BTC-Menge auf Ethereum wird die DeFi-Welt nun durch eine weitere Token-Klasse bereichert: ERC-721-Token oder nicht fungible Token (NFTs). Diese Token sind einzigartig und unterscheiden sich voneinander, im Gegensatz zu “regulären” (ERC-20) fungiblen Token.

Abbildung 2: Transfervolumen von nicht fungiblen Token in den letzten 7 Tagen in verschiedenen Sektoren, wie Domainnamen (Unstoppable Domains, Ethereum Name Service), digitale Sammlerstücke (Sorare, CryptoKitties, Rarible) und Versicherungen (yInsureNFT).
NFT-Transfers
Quellen: etherscan.io, Bitcoin Suisse Research.

Seit der Gründung der NFT-Märkte wurden Mengen im Wert von über 100 Mio. USD übertragen. Ein Grossteil der Transfers erfolgte 2017 bei dem Hype um CryptoKitties und aus der dezentralisierten VR-Welt Decentraland. Andere Sektoren wie digitale Sammlerstücke sind ebenfalls auf Wachstumskurs, wie Abbildung 2 zeigt.

Digitale Sammlerstücke werden idealerweise durch ERC-721-Token verkörpert, da jeder Artikel einzigartig ist. Bei den Sammlerstücken kann es sich beispielsweise um digitale Originalwerke oder digitalisierte Kunst handeln, wobei das Eigentum auf der Blockchain nachgewiesen ist.

Ein weiterer Anwendungsfall ist die Gaming-Branche, die seit zehn Jahren ein kräftiges Wachstum verzeichnet. Bei Spielen werden häufig käufliche In-Game-Artikel angeboten. Der Käufer wird jedoch nicht zum eigentlichen Eigentümer des Artikels, da das ausgebende Unternehmen der Eigentümer ist. Eine Umwandlung solcher Artikel in NFTs könnte dies ändern. Ein Beispiel ist das blockchainbasierte Kartenspiel Gods Unchained, bei dem jede Karte durch einen Token repräsentiert wird.

Neben diesen beiden Anwendungen öffnen auch NFTs Tür und Tor für die Integration weiterer Finanzprodukte in die DeFi-Welt. Zu nennen sind hier Versicherungen wie yinsure.finance, eine Versicherung, die an Sekundärmärkten gehandelt werden kann. Im NFT werden die Versicherungssumme sowie die Versicherungsdauer festgelegt. Während die Anfangskosten der Versicherung vom NFT-Emittenten bestimmt werden (in diesem Fall ist der Versicherer Nexus Mutual, ein dezentrales Versicherungsprotokoll), kann der NFT, der den Versicherungsvertrag darstellt, danach frei an einem Sekundärmarkt (wie hier Rarible) gehandelt werden.

Dies ermöglicht es dem Markt, durchgehend einen fairen Tarif für den Versicherungsvertrag auszuweisen. Der Hauptanwendungsfall für Versicherungen liegt derzeit im Krypto-Bereich: DeFi-Nutzer schliessen Versicherungen für die von ihnen verwendeten Protokolle (wie Compound, Aave oder Balancer) ab. In diesem Fall würde eine erneute Prüfung der Protokolle durch einen anerkannten Prüfer wahrscheinlich zu einem faireren Marktpreis eines solchen Versicherungsschutzes führen.

Denkbar wäre auch, dass NFT-Märkte auf andere Produkte mit festen, einmaligen Konditionen ausgeweitet werden – eventuell mit einer direkteren Verbindung zur realen Welt wie Hypotheken.

 

Fazit
Die regulatorische Unsicherheit im Kryptobereich hat sich in den letzten Wochen verringert. Abzuwarten bleibt, ob die neu entwickelten Regelungen ihr Ziel erreichen und einen angemessenen Rechtsrahmen schaffen, ohne dass Innovationen im Keim erstickt werden.

Vorerst setzten sich Innovationen im Kryptobereich, insbesondere im Bereich DeFi, in rasantem Tempo fort. Grosse Chancen wurden bereits genutzt, und weitere könnten sich noch in Form von nicht fungiblen Token bieten. Das aktuell exponentielle Wachstum basiert jedoch auf Bausteinen, die nicht in den letzten zwei Monaten, sondern in den Jahren 2018 und 2019 entwickelt wurden.