Dr. Raffael Huber

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In den Anfängen von Bitcoin war es mit ausreichenden technischen Kenntnissen relativ einfach, die Kryptowährung zu erhalten. Die Mining-Schwierigkeiten waren so gering, dass das Schürfen auf normalen Heimcomputern möglich war, und die Blockprämie lag bei 50 BTC pro Block (verglichen mit aktuell 12,5 BTC/Block). Es gab sogar eine von Gavin Andresen entwickelte Website namens “The Bitcoin Faucet”, auf der Bitcoin-Nutzer täglich 5 BTC erhalten konnten – und zwar vollkommen gratis.

Man könnte deshalb annehmen, dass Frühanleger und Förderer von Bitcoin einen Grossteil des Coin-Angebots kontrollieren. Die Coins sind jedoch in den Auf- und Ab-Bewegungen von Bitcoin in andere Hände gewechselt. So verändert sich die Verteilung der Coin-Vorräte ständig, und im Public Ledger von Bitcoin kann man sich einen Überblick über die stattgefundenen Verschiebungen verschaffen. Die aus solchen Beobachtungen gezogenen Schlussfolgerungen sind jedoch mit Vorsicht zu geniessen, da die Adressen gepoolte Gelder enthalten können (z. B. Cold Storage Wallets von Exchanges) oder eine Person mehrere Adressen kontrollieren kann. Tatsächlich wird aus Datenschutz- und Sicherheitsgründen von der Wiederverwendung von Bitcoin-Adressen abgeraten.

Dennoch lassen sich aus der Untersuchung der Blockchain-Daten von Bitcoin-Adressen im Zeitverlauf einige Trends ablesen. Als vernünftiges Mass aller insgesamt verwendeten Adressen berechnet man die Anzahl der Adressen, die mindestens 0,01 BTC enthalten.

Abbildung 1: Die Anzahl der Adressen, die mindestens 0,01 BTC enthalten, ist in den letzten 5 Jahre linear angestiegen.
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Quelle: bitinfocharts.com, Bitcoin Suisse Research.

Diese Zahlen werden dann als Näherungswert für die Anzahl der echten Bitcoin-Adressen verwendet. Von diesen derzeit ca. 7,7 Millionen Adressen enthalten lediglich ca. 2% mehr als 10 BTC.

Abbildung 2: Nur 2 % der gesamten Adressen mit mindestens 0,01 BTC enthalten mehr als 10 BTC. Dieser Prozentsatz ist in den letzten 5 Jahren exponentiell gesunken.
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Quelle: bitinfocharts.com, Bitcoin Suisse Research.

Eine genauere Betrachtung des prozentualen Anteils dieser Adressen am Gesamtangebot zeigt, dass die Menge an Bitcoin, die in grossen Beträgen von über 10 BTC gehalten wird, ebenfalls abgenommen hat. Im Juli 2014 waren noch fast 95% der Coins mit Adressen verbunden, die mehr als 10 BTC enthielten. Heute ist dieser Betrag auf rund 86% gesunken.

Abbildung 3: Der prozentuale Anteil des Gesamtbestandes an Bitcoin, der in Adressen, die mehr als 10 BTC enthalten, aufbewahrt wird, ist seit Juli 2014 von 95 % auf 86 % gesunken.
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Quelle: bitinfocharts.com, Bitcoin Suisse Research.

Ein Überblick über den Unspent Transaction Output (UTXO) von Bitcoin ist in Abbildung 4 dargestellt. Obwohl sich die Verteilung im Lauf der Zeit kaum verändert hat, fallen doch zwei Punkte auf: Zunächst ist die Anzahl der Adressen, die relativ kleine Mengen an Bitcoin (weniger als 10 BTC) enthalten, stetig gestiegen. Zweitens ist die Anzahl der Adressen, die mehr als 10’000 BTC enthalten, in letzter Zeit zurückgegangen, da der Bestand an kleinere Adressen übergegangen ist.

Abbildung 4: Die Verteilung von Bitcoin im Laufe der Zeit war relativ stabil, aber die Anzahl der Adressen die kleine Mengen von Bitcoin enthalten, hat ständig zugenommen.
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Quelle: bitinfocharts.com, Bitcoin Suisse Research.

Welche Schlüsse lassen sich aus diesen Beobachtungen ziehen? Obwohl sich die Bitcoin-Verteilung noch immer weitgehend auf grosse Halter konzentriert, ist im Lauf der Zeit doch eine leichte Verschiebung hin zur Speicherung kleinerer Mengen pro Adresse zu beobachten. Dies kann auf eine allmähliche Verschiebung von Frühanlegern hin zu Neuanlegern und Nutzern hindeuten, die neu mit Kryptowährungen starten und von den Gewinnen profitieren wollen. Insgesamt hat sich die Verteilung jedoch noch nicht allzu stark verändert. Ein Faktor könnten verlorene Coins sein – also Coins, auf die nicht mehr zugegriffen werden kann, weil der ursprüngliche Inhaber seinen privaten Schlüssel verloren hat. Über 3,8 Millionen Coins haben sich seit mehr als fünf Jahren nicht bewegt – zumindest ein Teil davon ist höchstwahrscheinlich für immer verloren.

Wie verhält sich die Verteilung von Gold im Vergleich dazu?

Vermögensungleichheit ist in den letzten Jahren zu einem wichtigen Thema geworden. Ein kürzlich veröffentlichtes Dokument von Ökonomen der niederländischen Zentralbank mit dem Titel: “Central bank policies and income and wealth inequality: a survey” kommt zum Schluss, dass das gestiegene Geldangebot die Vermögensungleichheit erhöht hat, da die Verteilung des neu gedruckten Geldes nicht gleichförmig ist.

Bitcoin wurde jedoch nicht nach dem Modell des Fiatgeldsystems konzipiert. Stattdessen ähnelt das aktuelle Design von Bitcoin demjenigen von Gold, und die Eigentumsverteilung von Gold ist meritokratisch und damit gleichmässiger als diejenige von Fiat. Zwei Hauptfaktoren tragen zur Dezentralisierung des Goldeigentums bei. Erstens sind die grössten Depots und Mining-Unternehmen nicht geografisch konzentriert. Sie sind vielmehr weltweit verteilt auf Länder und Regionen wie Indonesien, Amerika, Usbekistan, Russland, Papua-Neuguinea, die Dominikanische Republik und die DR Kongo. Zweitens hat die langjährige Goldentwicklung zu einer gleichmässigeren und glockenförmigeren Verteilung geführt, da Goldbesitzer jeden Monat eine bestimmte Menge Gold an den Markt verkaufen müssen, um die Gemeinkosten zu decken. Mit steigendem Goldpreis haben Goldanleger auch einen finanziellen Anreiz, Gold an den Markt zu verkaufen, um Gewinne zu erzielen und ihr Portfolio neu auszurichten. Diese beiden relativ konstanten Goldströme in den Markt ermöglichen es Neuanlegern, in das Netzwerk einzutreten, wodurch sich die Vermögensungleichheit verringert

Die weltweiten Goldbestände entfallen ungefähr zu 50% auf Schmuck, 14% auf die Industrie, 18% auf Zentralbanken und 17% auf private Anlagen in physischem Gold. 2010 untersuchte die Steinbeis-Universität in Berlin die Eigentumsverteilung von Gold in Deutschland. Wie dabei festgestellt wurde, hält Deutschland an den 163’000 Tonnen weltweit einen Anteil von annähernd 8% bzw. 12’000 Tonnen. In der Studie wurde die Goldverteilung weiter in private Haushalte und den Regierungsbestand aufgeschlüsselt. Von den insgesamt
8% halten deutsche Haushalte 6% und die Bundesbank 2%. Somit hält jeder vierte Einwohner Deutschlands physisches Gold als Anlage.

Eine Umfrage unter den 3’248 Goldbesitzern in Deutschland ergab, dass Privatanleger mit einem Vermögen von weniger als 25’000 Euro durchschnittlich 15 Gramm physisches Gold besitzen. Personen mit einem Vermögen von mindestens 150’000 EUR besitzen im Durchschnitt 277 Gramm. In Deutschland wird folglich mit steigendem Wohlstand ein grösserer Teil des Reichtums in Gold gehalten.

Demgegenüber verfügen in Italien und Frankreich die Zentralbanken über mehr Gold als die dortigen Privathaushalte. Mit dem Goldbestand der Schweizerischen Nationalbank von 128 Gramm Zentralbankgold pro Kopf liegt die Schweiz klar an der Spitze. Deutschland liegt bei 42 Gramm, Frankreich bei 38 Gramm und Italien bei 40 Gramm. Die 1’040 Tonnen Goldbestände der Schweizerischen Nationalbank sind in den Finanzberichten ausgewiesen. Zur Gesamtmenge an privat gehaltenem Gold stehen in der Schweiz indessen keine Schätzungen zur Verfügung.

Die Vermögensungleichheit bei Bitcoin ist in den letzten zehn Jahren zurückgegangen und wird voraussichtlich weiter abnehmen. Die aktuelle Eigentumsverteilung von Kryptowährungen folgt offenbar einer Verteilung nach dem Potenzgesetz, bei der nur wenige Konten die meisten Kryptowährungen halten. Die Verteilung könnte sich jedoch einer Glockenkurvenverteilung annähern, die derjenigen von Gold ähnelt. Denn auch die Bitcoin-Miner müssen einen Teil ihrer Erlöse verkaufen, um monatliche Kosten wie Strom zu zahlen. Ähnlich wie beim Gold verkaufen die Bitcoin-Anleger bei steigenden Preisen kleine Teile ihrer Bestände, um ihr Portfolio neu auszurichten. Die Rechnung von Validatoren beim Proof of Stake ist eine andere, da die Akteure keinen grossen Anreiz haben, jeden Monat einen bestimmten Teil ihrer Coins zu verkaufen, um die Kosten für das Staking zu decken. Stattdessen horten sie Coins, um ihre Staking Power im Netzwerk zu erhalten oder zu erhöhen. Bei einem begrenzten Angebot an neuen Coins auf dem Markt kann dies den Preis nach oben treiben, aber auch die Coin-Verteilung an neue Netzwerkmitglieder verlangsamen. Insgesamt wird erwartet, dass sich die Eigentumsverteilung von Fiatgeld zunehmend zentralisiert und konzentriert, während die Eigentumsverteilung von Bitcoin voraussichtlich derjenigen von Gold folgen wird.

Abbildung 5: Private vs. öffentliche Verteilung von Goldbesitz in Italien, Frankreich und Deutschland.
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Quelle: Steinbeis Research, Incrementum AG.