Dr. Raffael Huber

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Ein wichtiges Verkaufsargument für Blockchains lautet: Mittler sind nicht nötig und dank einer bislang noch nie dagewesenen Automatisierung können Kosten gespart werden. So könnte beispielsweise ein kodifizierter Flugrücktrittsversicherungsvertrag auf einer Blockchain einem unglücklichen Passagier, dessen geplanter Flug gestrichen wurde, unverzüglich eine Rückerstattung gewähren. Dadurch würden viele bürokratische Schritte wegfallen, das Kundenerlebnis würde verbessert und gleichzeitig könnten Friktionskosten für die Versicherung gespart werden. Aber es gibt ein Problem: Wie weiss der Smart Contract, dass das Flugzeug am Boden geblieben ist?

Anbieter von realen Daten werden Oracles genannt. Für eine Blockchain sind solche Oracles Quellen der Wahrheit über Geschehnisse in der Aussenwelt. Im obigen Beispiel würde ein Oracle die Gültigkeit des Versicherungsfalles bestätigen und möglicherweise eine Auszahlung an den Begünstigten auslösen.

“Oracles haben das Leistungsvermögen von Krypto exponentiell erhöht.” – Ari Paul

Oracles haben vielfältige Anwendungen. In der Welt der Zukunft, in der die gesamte Finanzinfrastruktur oder ganze Smart Cities auf Blockchain beruht, wird ein kontinuierlicher Strom von Off-Chain-Daten benötigt, um das volle Potenzial von Blockchains freizusetzen. Oracles sind für Plattformen mit dezentralen Finanzdienstleistungen (DeFi) bereits heute unentbehrlich. MakerDAO beispielsweise, der Emittent der Stablecoin Dai mit über 1,4 Mio. ETH Kreditsicherheiten, ist auf genaue Preisnachrichten angewiesen, um feststellen zu können, ob ein Kredit noch ausreichend besichert ist oder liquidiert werden muss. Daher haben sowohl MakerDAO als auch das DeFi-Pendant Compound kürzlich Initiativen zur Verbesserung ihrer Oracle-Systeme gestartet.

“Zentralisierte Oracles widersprechen grundsätzlich dem Sicherheitsmodell unseres Cryptospace, denn man hat erneut einen Single Point of Failure.” – Sergey Nazarov

Das Leistungsversprechen von Blockchains hängt stark von ihrem Dezentralisierungsgrad ab. Ein System ist nur so dezentral wie sein am wenigsten dezentraler Teil. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass Oracles genauso wenig einzelne zentrale Schwachstellen aufweisen wie die zugrunde liegende Blockchain.

Der Libor-Skandal verdeutlicht, welchen Schaden eine Falschmeldung durch Oracles verursachen kann. Die Banken haben den Libor bewusst manipuliert, um ihren Handelspositionen zu verbessern, was Geldstrafen in Höhe von fast 10 Mrd. USD zur Folge hatte. Das Oracles-Netzwerk, mit dem der Libor festgelegt wurde, war nicht ausreichend dezentralisiert und nicht resistent gegen geheime Absprachen. Die finanziellen Gewinne durch die Falschmeldung waren offenbar höher als die finanziellen Risiken. Dies zeigt, dass ein System von Oracles sorgfältig geplant werden muss, damit durch das spieltheoretische Gleichgewicht Anreize für eine ehrliche Berichterstattung geschaffen werden.

Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass die von Oracles bereitgestellten Daten korrekt sind, sollten zwei Redundanzschichten berücksichtigt werden. Erstens sollte durch mehrere Quellen für die angeforderten realen Daten sichergestellt werden, dass beispielsweise ein einzelner fehlerhafter Sensor das gesamte Netzwerk, das von diesem Daten bezieht, nicht beeinträchtigen kann. Zweitens gilt: Je unabhängiger ein Oracle die Gültigkeit eines Off-Chain-Inputs bestätigt, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Input tatsächlich wahr ist. Oracles können Blockchains ihre meist abgeschotteten Existenz hinter sich lassen und eine Wirkung für unseren Alltag entfalten. Erst wenn eine nicht vertrauensbasierte, zuverlässige Verbindung zur Aussenwelt aufgebaut ist, wird das wahre Potenzial von Smart-Contract-Plattformen sichtbar.

Ist Schwarmintelligenz eine alternative Wahrheitsquelle?

Eine zweite Strategie, Fakten der Aussenwelt zu nutzen, ist die Auswertung von Informationen aus Finanzmarktpreisen. Alle Märkte erfassen unsere Sicht auf die Zukunft. Die Future-Märkte für Orangen berücksichtigen die Prognosen des Marktes für das Wetter in Florida. Katastrophenanleihen preisen die Marktprognosen für katastrophale Wetterereignisse wie Wirbelstürme und Überschwemmungen ein. Prognosemärkte sind Märkte, die speziell darauf ausgelegt sind, das Ergebnis eines künftigen Ereignisses vorherzusagen. Wer gewinnt zum Beispiel die US-Wahlen 2020? Durch den Kauf und Verkauf von Aktien auf Online-Marktplätzen können Einzelpersonen auf das Ergebnis von Ereignissen Wetten abschliessen. Der Handel mit Aktien an einer Börse ermöglicht die Preisbildung, und diese Preise können als Näherungswerte für die Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen Ergebnisses verwendet werden. Der Preis ist ein einzelner Datenpunkt, der in Oracles und Smart Contracts eingespeist werden kann.

Prognosemärkte erfassen die Schwarmintelligenz und haben sich durchschnittlich als genauer erwiesen als Expertenmeinungen und Umfragen. In der amerikanischen Variante der berühmten Quizshow “Wer wird Millionär?” gibt die Befragung des Publikums in 91% der Fälle eine korrekte Antwort, verglichen mit 66% beim Telefonieren mit einem Experten. Die Ursprünge der Internet-Prognosemärkte gehen auf die libertären Tech-Meetups der 1980er Jahre in Palo Alto zurück. Robin Hanson und andere versuchten, die Faktensuche im Internet auf technologischem Weg zu verbessern. Der erste Versuch bestand darin, Gespräche online aufzuzeichnen, damit Internetnutzer die Hauptargumente und ihre Gegenargumente in einer Debatte zusammengestellt sehen konnten. Mit der Zeit entwickelte sich dieses Konzept zu einem Prognosemarkt, da Menschen einen finanziellen Anreiz benötigten, um ihre Informationen bekanntzugeben und “ehrlich” an der Debatte teilzunehmen. Intrade.com war damals einer der grössten Prognosemärkte. Die meisten Themen standen im Zusammenhang mit Sport, aber bestimmte geopolitische Fragen haben der Website einen politisch zwiespältigen Ruf verliehen. Im Jahr 2003 wurden über weite Zeiträume Kontrakte über die Ergreifung Saddam Husseins mit 40 Cent gehandelt. Die Chance, Saddam Hussein innerhalb dieses Jahres festzunehmen, lag folglich bei vier Prozent. In der zweiten Dezemberwoche stieg das Handelsvolumen des Kontrakts stark an. Als die Ergreifung von Hussein am 13. Dezember 2003 öffentlich bekanntgegeben wurde, erzielten die Hussein-Kontrakte eine Rendite von 2’500%.

Dass Prognosemärkte in der Lage sind, Ereignisse so genau vorherzusagen, bedeutet im Umkehrschluss, dass bestimmte Händler über Insiderinformationen verfügen. Insider von ihrem Wissen profitieren zu lassen, kann von den Regulierungsbehörden als schlecht angesehen werden. Andererseits können asymmetrische Informationen durch die Handelsergebnisse relativ wirksam ausgeglichen werden.

Die zentralere Frage lautet aber: Wie können Prognosemärkte reguliert werden? Letztlich war der Hussein-Kontrakt eigentlich eine Wette auf einen Mord. Es ist wichtig, Prognosemärkte mit Blockchain-Technologie zu betreiben, da diese Märkte von Unternehmen oder Regierungen unterbunden werden können. Intrade.com und der Policy Analysis Market wurden beide von der US-Regierung geschlossen. Seltsamerweise ist die Hollywood-Börse den Fängen der US-Aufsichtsbehörden erfolgreich entgangen. Die beiden grössten blockchainbasierten Prognosemärkte sind Augur (REP) und Gnosis (GNO). Beide sind eine Sammlung auf Ethereum beruhender Smart Contracts. Die Idee dahinter lautet, dass jede und jeder einen Prognosemarkt über Beliebiges einrichten kann.

Abbildung 1: Die Gesamtzahl der ETH, die in Augur Vorhersagemärkte eingeschlossen sind, gipfelte im Februar dieses Jahres.
E8 Chart
Quelle: aleth.io, Incrementum AG

Augur-Anleger, die 2015 in das ICO investiert haben, zahlten rund 60 Cent pro Token – heute liegt der Preis bei 10,52 US-Dollar. Augur wies im vergangenen Jahr eine Marktkapitalisierung von 124 Mio. USD und ein durchschnittliches tägliches Handelsvolumen von 7,1 Mio. USD aus. Durch Augur Smart Contracts sind Ethereum im Wert von insgesamt 545’000 US-Dollar gebunden. Bei Prognosemärkten stehen wir jedoch erst am Anfang der Entwicklung. Das grösste Problem ist die geringe Liquidität. Das Market-Making auf dezentralen Blockchains verursacht hohe Kosten, da die Auftragsbücher on-chain sind. Wenn Sie eine Bestellung aktualisieren oder stornieren, müssen Sie eine Transaktionsgebühr bezahlen. Bei Augur wurden bereits Angebotskosten in Höhe von einem Dollar registriert. Ein weiteres Problem ist, dass dezentrale Blockchains nur eine begrenzte Anzahl von Transaktionen pro Abschnitt verarbeiten können, wie wir in der ersten Decrypt-Staffel in Episode 5 erwähnt haben. Augur beispielsweise kann etwa vier Transaktionen pro Sekunde durchführen. Dank Oracles können Blockchains ihre meist abgeschotteten Existenz verlassen und eine Wirkung für unseren Alltag entfalten. Erst wenn eine nicht vertrauensbasierte, zuverlässige Verbindung zur Aussenwelt aufgebaut ist, wird das wahre Potenzial von Smart-Contract-Plattformen sichtbar.