David Riegelnig - Head Risk Management bei Bitcoin Suisse
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Im Gespräch mit Ian Simpson

Welche Bedeutung haben die FATF Travel Rule und die OpenVASP für die Zukunft der Kryptobranche?

Wie uns allen bewusst sein dürfte, stellt die Kryptoindustrie schon an sich eine Herausforderung dar. Die Technologie bringt Innovationen und auch neue Vorgehensweisen hervor. Während mit Bitcoins (und Kryptowährungen allgemein) zunächst reine Peer-to-Peer-Zahlungen (P2P) abgewickelt wurden, geht die Entwicklung nun auch in andere Richtungen. Bei der Regulierung und dem Leitfaden der Financial Action Task Force (FATF) für virtuelle Vermögenswerte – die sogenannte „Travel Rule“ – handelt es sich um eine zusätzliche Komplexitätsschicht, also neben dem technologischen Aspekt um eine zusätzliche Herausforderung. Und auch die zeitliche Komponente spielt eine Rolle: Eigentlich sollte die Travel Rule innerhalb eines Jahres auf virtuelle Assets angewendet werden, diese Frist wurde nun aber verlängert. Der herkömmlichen Finanzbranche stand dagegen ein viel grösserer Zeitrahmen zur Verfügung, um regulatorische Rahmenbedingungen zu schaffen. Somit macht auch der Zeitaspekt die Dinge komplizierter.

Hinzu kommt eine noch feinere Komplexitätsschicht, die dem Mix hinzugefügt wird: Während die FATF weltweite Regeln festlegt, wird die eigentliche Verordnung zur Umsetzung des Leitfadens auf Ebene der einzelnen Länder entwickelt. Und diese treiben die Regulierung je nach Land strenger oder lockerer voran. Das Vereinigte Königreich ist bei den Zeitvorgaben beispielsweise etwas grosszügiger, während Singapur und die Schweiz die Einhaltung der Konformitätsregeln umgehend einfordern.

Gleichzeitig kann die Kryptobranche nicht davon ausgehen, ein mit anderen Technologien und Innovationen vergleichbares Mass an Akzeptanz zu geniessen, wenn sie nicht mehr oder weniger auf Augenhöhe mit der Finanzbranche operiert, wo jede Transaktion denselben Standard erfüllen muss. In dieser Hinsicht muss die Branche selbst Lösungen entwickeln. Einen Weg hin zur Compliance zu finden entspricht einer „Eintrittskarte“ in die grossen Ligen, also sozusagen dem Erreichen der „Volljährigkeit“.
Das ist ein wichtiger Schritt. Und er ist notwendig, damit Krypto-Finanzdienstleistungen den Anspruch erheben können, es mit der gesamten klassischen Finanzindustrie aufnehmen zu können.

Viele Unternehmen und Gruppen arbeiten an FATF Travel Rule Compliance-Lösungen. Wie schneidet OpenVASP dabei ab?

Wie unschwer an der Bezeichnung „OpenVASP“ zu erkennen ist, handelt es sich um eine „offene“ Initiative. Alle Akteure können sich daran beteiligen, da kein Schutz für geistiges Eigentum besteht. Insgesamt wird die Initiative von Menschen vorangetrieben, die sich an einen gemeinsamen, aber „offenen“ Standard halten wollen.

Wir haben OpenVASP von Anfang an kostenlos zur Verfügung gestellt. Denn so können verschiedene Anbieter ihre eigenen Lösungen nutzen, die sie lediglich auf das zugrunde liegende Protokoll abstimmen müssen. Und wie wir bereits feststellen konnten, sind viele auf den „Zug aufgesprungen“.

Als Verein (OpenVASP Association) finanzieren wir auch Open-Source-Implementierungen, die nicht mit gewerblichen Lösungen konkurrieren, sondern für diejenigen als Grundprogramm fungieren, die eigene Systeme aufbauen.

Eine wichtige Voraussetzung dabei ist, dass diese Systeme für Krypto-Transaktionen mit den Backendsystemen der Virtual Asset Service Provider (VASP) verbunden sind. Sie müssen vollständig in die bestehende Systemlandschaft eingebettet werden – zumal grössere Anbieter von virtuellen Assets angesichts der Vielzahl von Interaktionen über eine vollautomatisierte Abwicklung verfügen müssen. Viele von ihnen streben „massgeschneiderte“ Lösungen an. Die Open-Source-Implementierungen können für all diejenigen sehr hilfreich sein, die nicht nur ein „schlüsselfertiges“ System wollen.
Deshalb ist der Aspekt der „Offenheit“ äusserst wichtig. Einige der ersten Systeme zur Einhaltung der Travel Rule werden nun geschlossen ausgeführt und sind urheberrechtlich geschützt. Mit der OpenVASP-Initiative wollen wir das genaue Gegenteil erreichen. Wir haben eine gemeinsame Sprache entwickelt, aber es gibt keine zentrale Drehscheibe als Verbindungsstück. Die Transaktionen können somit weitgehend P2P bleiben. Da die zentrale Steuerung entfällt, wird zudem die Sicherheit weiter verbessert. Denn ein dezentrales System ist deutlich robuster und bietet viel mehr Raum für Innovationen. Das Protokoll steht zur allgemeinen Nutzung bereit, aber jeder Anbieter oder VASP kann Innovationen einbringen. Letztlich führen unterschiedliche konkurrierende Anbieter zu attraktiveren Angeboten. Die jeweilige Umsetzung von Anwendungsfällen kann unterschiedlich ausfallen, was auch die Entwicklung vorantreiben wird, um diese über das gesamte Spektrum hinweg zu unterstützen.

Wir müssen uns allerdings darüber im Klaren sein, dass es für VASPs nicht nur einen einzigen Anwendungsfall gibt. Die Verwahrungskonzepte für den Einzelhandel unterscheiden sich beispielsweise deutlich von denen für institutionelle Kunden. Wir erwarten daher, dass die Anwendungsfälle sehr verschieden sein werden – mit unterschiedlichen Messages für verschiedene Fälle.

Die OpenVASP Association hat sich deutlich vergrössert. Welche Bedeutung hat diese Entwicklung?

Wir freuen uns sehr über unsere starken VASPs, die in der Lage sind, das Protokoll von Anfang an zu nutzen. Das ist an sich schon sehr positiv. Ich möchte jedoch der Klarheit halber darauf hinweisen, dass das Protokoll auch von Akteuren verwendet werden kann, die kein Mitglied der OpenVASP Association sind. Und auch das ist völlig in Ordnung.

Wir sind offen für alle, die einen Beitrag leisten, eine Verbesserung einbringen und dabei helfen wollen, die Art der Messages – oder neue Message Types – zu definieren. Besonders freut es uns, dass so viele verschiedene Anbieter hinzugekommen sind. Einige stammen aus Asien, andere aus den USA. Wir begrüssen all diejenigen, die sich uns anschliessen, um die Entwicklung weiter voranzutreiben.

Wie werden verschiedene Travel Rule-Lösungen miteinander kommunizieren?

Ich würde gerne sagen, dass OpenVASP die umfassendste Lösung ist, die es gibt. Und vielleicht habe ich damit sogar Recht. Andere Konzepte sind in der Regel recht „geschlossen“ oder konzentrieren sich ganz auf einen oder zwei Anwendungsfälle. Wir versuchen indessen Wege zu finden, wie diese verschiedenen Lösungen zusammenarbeiten können. Auf Ebene der Association haben wir uns aktiv darum bemüht, Möglichkeiten zu finden, mithilfe derer die Interoperabilität der Messages sichergestellt wird. Und wir werden weiterhin daran arbeiten.

Derzeit stellen wir jedoch fest, dass Software-Anbieter als Brücken zwischen den Protokollen fungieren. Sie implementieren nicht nur OpenVASP, sondern könnten auch die Verbindung zu anderen Lösungen sicherstellen.

Wie plant Bitcoin Suisse die Verwendung des OpenVASP-Protokolls?

Bitcoin Suisse gehört natürlich zu den Gründungsmitgliedern der OpenVASP Association. Wir starten das Protokoll und werden es, wann immer möglich, nutzen. Als VASP in der Schweiz mussten wir bereits die Travel Rule für Krypto-Zahlungen umsetzen. Bisher mussten dafür verschiedene Kanäle mit unterschiedlichen VASPs und Sachen wie verschlüsselte PDFs für den natürlich umständlichen Bereich „Messaging“ verwendet werden. Wir sind also wirklich froh, ein Protokoll wie OpenVASP zu haben, das uns das Leben erleichtert.

Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass es bei OpenVASP um VASP-zu-VASP-Transaktionen geht, die unter die Travel Rule fallen. Im Mittelpunkt steht für uns aber nicht nur die Erfüllung der regulatorischen Anforderungen, sondern auch eine Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit. Viele unserer Kunden haben sich mittlerweile daran gewöhnt, Transaktionen mit Blockchain-Adressen durchzuführen, was jedoch nicht immer ganz einfach ist. Die Adressen sind lang, können sich ändern und so weiter. Mit OpenVASP spielt es keine Rolle mehr, ob die Kontokennung gleichbleibend und konsistent ist oder ob es sich um eine einmalige Kontokennung handelt. Das kann die Benutzererfahrung (UX) im System verbessern und dazu beitragen, die Privatsphäre gegenüber der Aussenwelt zu wahren.

Wir bei Bitcoin Suisse glauben, dass wir mit OpenVASP der Konkurrenz einen Schritt voraus sind. Wir kommen den Vorschriften nach – und sind gleichzeitig Innovationsführer.
Ja, wir sind stolz darauf, in diesem gesamten Bereich einen der Spitzenplätze zu belegen.

Zeichnen sich weitere Entwicklungen am Horizont für OpenVASP ab?

Generell verstehen wir OpenVASP effektiv als ein Finanzprotokoll im Krypto-Bereich, vergleichbar mit SWIFT. Die FATF Travel Rule-Konformität ist somit zwar der erste, aber bei Weitem nicht der einzige Anwendungsfall.

Natürlich liegt der Schwerpunkt auf der Einhaltung der Anti-Geldwäsche-Bestimmungen (AML). Es werden jedoch verschiedene Ausführungen, verschiedene länderspezifische Erweiterungen benötigt. Zum Teil stand bei dem gesamten Protokoll die „Erweiterbarkeit“ im Zentrum. Das bedeutet, dass wir das Protokoll überall dort einbinden können, wo es gebraucht wird.

Aber über AML hinaus gibt es viele verschiedene Arten von Messages, die von Interesse sein könnten. Wie zum Beispiel für Anwendungsfälle im Bereich Zahlungen und der Abwicklung von Verwahrungsvorgängen. Wir gehen also davon aus, dass die Anwendungsbereiche des Protokolls im Laufe der Zeit ausgeweitet werden. Und dieser Entwicklung blicken wir mit grosser Spannung entgegen!