Thinking Beyond 2022 - Unsere Makrotrends für dieses Jahr

31.01.2022

  1. Die Inflation erreicht in den USA und Europa erstmals wieder Höchststände, was jedoch als “vorübergehendes Phänomen” erachtet wird. Der Bitcoin markiert in diesem Kontext neue Allzeithochs und wird zunehmend als Inflationsabsicherung interessant.
  2. Zwei grosse Makroereignisse aus dem Jahr 2021 werden auch die Kursentwicklung des Bitcoins 2022 und noch darüber hinaus beeinflussen. Dazu gehört die grosse Mining-Migration aus China, die die geopolitische Machtstruktur für Bitcoin-Mining verändert hat. Ausserdem hat sich El Salvador in die globale Bitcoin-Szene katapultiert, indem es Bitcoin zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärte. Andere Länder, die stark vom US-Dollar abhängig sind, werden dadurch subtil dazu gedrängt, sich mit der Frage ihrer staatlichen Bitcoin-Strategie auseinanderzusetzen.
  3. Mehr Rationalität und Sensibilität werden der Bitcoin-Nachhaltigkeitsdebatte 2022 und darüber hinaus zugute kommen. Kostenlose und miningfreie Bitcoin Lightning-Zahlungen in Echtzeit zeigen über die Energiedebatte hinaus auf, dass ein öffentlich geführtes Finanzsystem wie Bitcoin die finanzielle Inklusion erhöhen kann.
Traditionelle Finanzwirtschaft und Inflation auf Höchststand

Fiatgeld. 2021 feiert der “Nixon Shock” – unglaublich, aber wahr – sein 50-jähriges Jubiläum. Vor einem halben Jahrhundert, am 15. August 1971, läutete US-Präsident Nixon mit einer Rede die neue Ära der Geldpolitik ein – die Ära des Fiatgeldes. Nixon setzte die Konvertibilität des US-Dollars in Gold aus und kündigte de facto das Bretton Woods-Abkommen auf, das seit dem Zweiten Weltkrieg die Vereinbarung fixer internationaler Wechselkurse zum goldgedeckten USD vorsah. Mit der Aussetzung befreite Nixon die US-Währung von der Notwendigkeit, Goldreserven zu halten, und die US-Regierung konnte in der Folge Anleihen gegen neues Geld von der US-Zentralbank Fed ausgeben lassen, um inländische Probleme wie hohe Arbeitslosigkeit anzugehen. Seitdem sind alle Hauptwährungen, die sich zu frei schwankenden Fiatwährungen entwickelt haben, mit ähnlichen Problemen konfrontiert: Die Geldmenge steigt langfristig an, was in vielen Ländern zu hohen BIP-Schuldenquoten und überhöhten Preisen führt.

Inflation. Den Zahlen von 2021 zufolge liegen die Inflationsraten über den Ständen, die vor mindestens zehn Jahren kurz vor der grossen Finanzkrise 2008/2009 gemessen wurden, und erreichen in den USA ein 30-Jahres-Hoch (Abbildung 1). Im Finanzstabilitätsbericht des Gouverneursrats des Federal Reserve System von November werden daher “hartnäckige Inflation” und “geldpolitische Straffung” zu Recht als Hauptrisikofaktoren für die Finanzstabilität genannt.

Während die US-Notenbank der Öffentlichkeit versichert, dass die anziehende Inflation lediglich “vorübergehend” sei, ist die Fed tatsächlich mit einer komplexen Problematik konfrontiert. Der Kern des Problems besteht darin, dass die Schöpfung von Fiatgeld gleichzeitig zur Schuldenbildung führt. Die steigende Geldmenge hat auch die Verschuldung der USA (und anderer Regionen/Länder) erhöht, da Anleihekaufprogramme von den Zentralbanken mit neu geschöpftem Geld finanziert wurden. Nun muss die Fed die Anleiherenditen – die Kosten für die Verschuldung – niedrig halten, damit der Staat seinen Schuldendienst auch leisten kann. Gleichzeitig sollte die US-Notenbank ihre quantitative Lockerung zurückfahren und gegebenenfalls die Zinsen erhöhen, um dem durch die Inflation geschaffenen Preisdruck entgegenzuwirken.

Das Hauptproblem bei herkömmlichen Währungen ist das Vertrauen, das erforderlich ist, damit das Währungssystem funktioniert. Der Zentralbank muss das Vertrauen entgegen gebracht werden, dass sie die Währung nicht entwertet, aber die Geschichte der Fiat-Währungen ist voller Verstösse gegen dieses Vertrauen.

- Satoshi Nakamoto (The Quotable Satoshi, NakamotoInstitue.org)

Welche Einflussgrössen werden sich beim Übergang 2021/2022 nun durchsetzen? Die durch die Fed beabsichtigte Drosselung der quantitativen Lockerung und etwaige Zinserhöhungen? Oder der Preisdruck nach oben infolge der ausserordentlichen Steigerung der Geldmenge durch die Fed in den letzten 24 Monaten, zusätzlich zu den unterbrochenen Lieferketten und den Betriebsschliessungen aufgrund von COVID-Beschränkungen?

Bitcoin: Inflationsschutz und Zahlungslösung für Staaten

Inflationsschutz. 2021 verfolgten die grossen globalen Aktienindizes eine moderate Entwicklung und tendierten bis November im Bereich von 5–22 %, mit den negativen Ausnahmen von Chinas Hang Seng (-11 %) und Gold (-9 %). Sie fragen sich vielleicht, was diese ausserordentliche Erholung nach dem Crash 2020 antrieb und warum die Märkte 2021 standhalten konnten, während gleichzeitig Lieferketten unterbrochen waren, Unternehmen ins Straucheln gerieten oder schliessen mussten, da ihnen entweder das Material, die Mitarbeiter oder beides ausging, und die Energiepreise immer deutlicher anzogen. Was befeuert diese Märkte angesichts der unsicheren fundamentalen Aussichten?

Fed put” wurde als Begriff für eine Reihe von monetären Instrumenten geprägt (u. a. Pensionsgeschäfte als indirekte quantitative Lockerungsmassnahmen, umfangreiche Käufe von Staatsanleihen zu hohen Preisen, niedrigere Leitzinsen für billige Kredite), die alle Fed-Vorsitzenden in den letzten Jahren auf die eine oder andere Weise eingesetzt haben, beginnend mit Alan Greenspan und seiner politischen Reaktion auf den Crash am Black Monday 1987. Über die Jahrzehnte hinweg haben die Märkte erfahren, dass die Fed im Krisenfall und bei fallenden Aktienmärkten Massnahmen treffen würde, um Abwärtstrends umzukehren. So entstand der Moral Hazard: Investmentbanken agieren immer spekulativer an Märkten, die als “risikofrei” wahrgenommen werden. Dieses Verhalten führte zur sogenannten “Everything Bubble”, einer Marktlage, in der mehrere Anlageklassen gleichzeitig eine starke Performance aufweisen. Auch in diesem Jahr kann dieses Phänomen wieder beobachtet werden.

Ganz oben auf der Liste [von Biden] stehend und eher früher als später werden wir uns mit den Folgen der grössten Finanzblase in der Geschichte der USA befassen müssen. Warum die grösste? Da sie nicht nur Aktien, sondern praktisch jeden finanziellen Vermögenswert betreffen wird. Und dafür können Sie der Federal Reserve Ihren Dank aussprechen.

- Richard Cookson, Bloomberg (4. Februar 2021)

Angesichts der systematischen Preisverzerrung fällt es Anlegern immer schwerer, Marktsignale zu erkennen – und ihnen zu vertrauen.

Bitcoin-Hausse. Vor diesem prekären makroökonomischen Hintergrund kletterte der Bitcoin auf neue Allzeithochs. Seit Beginn 2021 stieg er um 90 % und seit Januar 2020 um über 650 % (Abbildung 2), während sich die grossen Indizes im unteren zweistelligen Bereich bewegten. Trotz der extremen Volatilität scheinen Anleger zunehmend auf die Geldpolitik von Bitcoin zu vertrauen, die das genaue Gegenteil zu der von Zentralbanken verfolgten Geldpolitik ist: Der absolute Hard Cap von 21 Mio. Einheiten und eine sich selbst verstärkende, kryptoökonomische Zusicherung, dass die Geldpolitik unverändert beibehalten wird, scheinen dauerhaft eine attraktive Absicherung gegen Inflationssorgen zu bieten.

Die aktuell anhaltende Bitcoin-Hausse setzte nach dem 3. Halving (11.05.2020) ein, als im Jahresverlauf auch zunehmend institutionelle Anleger an die Märkte kamen. Heute besitzen öffentliche und private Unternehmen und Trusts zusammen mehr als 7 % der Gesamtmenge der 21 Millionen Bitcoins.

2021 wurde ein weiterer wichtiger Meilenstein für Bitcoin-Investoren erreicht. Eines der lang erwarteten traditionellen Instrumente, mit dem Anleger Positionen auf Krypto-Vermögenswerte aufbauen können, sind Exchange Traded Funds (ETF). Am 19.10.2021 wurde nunmehr der erste Bitcoin-ETF – der ProShares Bitcoin Strategy ETF (BITO) – einen Tag nach Erhalt der SEC-Genehmigungaufgelegt. Dieser Futures-ETF brach gleich mehrere Rekorde: Er was das zweitgrösste ETF-Debüt aller Zeiten und erreichte am ersten Tag nach der Auflegung ein Handelsvolumen von über 1 Milliarde USD. Mit ETFs können Anleger, die nicht in den zugrunde liegenden Kryptowert investieren können oder wollen, in einem traditionellen den Marktteilnehmern bekannten Instrument anlegen, wodurch der Markt einer völlig neuen Anlegergruppe zugänglich gemacht wird.

Über die Anlagekreise hinaus stieg auch die Akzeptanz von Bitcoin unter “normalen Menschen und Anwendungsfällen, die mit Transaktionen und individuellen Ersparnissen zusammenhängen, anstatt mit Handel und Spekulation”. Der Global Crypto Adoption Index, eine Kennzahl auf Länderebene, die auf dem erhaltenen On-Chain-Wert, dem erhaltenen On-Chain-Einzelhandelswert und dem P2P-Börsenhandelsvolumen basiert, stieg insgesamt um 880 %. Ein interessantes Phänomen ist, dass die Top-5-Länder dieser Liste den Bitcoin weitgehend für illegal erklärten (*): Vietnam*, Indien, Pakistan*, Ukraine und Kenia*, während es nur eines der Bitcoin-liberalsten westlichen Länder in die Top 20 schaffte, nämlich die Vereinigten Staaten.

Aus makroökonomischer Sicht haben sich drei Ereignisse – von denen eines erwartet und zwei unerwartet eintraten – herauskristallisiert, die die Basisdynamik von Bitcoin im Jahr 2021 überlagerten. Zwei dieser Events sind von geopolitischer Bedeutung und beziehen sich auf die nationale Souveränität, auch wenn sie zur Wertentwicklung von Bitcoin in entgegengesetzter Richtung beigetragen haben. Das dritte Ereignis ist eine undurchsichtige technische Verbesserung, die erst später ihre tiefgreifenden Auswirkungen zeigen wird.

Das erste Ereignis: die “grosse Mining-Migration” aus China. Im Juni 2021 wurde bekannt, dass China ein Verbot für das Mining von Kryptowährungen erlassen hatte, das Stromunternehmen anordnete, die Stromversorgung von Minern innerhalb von Tagen einzustellen. Im Gegensatz zu früheren “Verboten” kontrollierten die Behörden diesmal ernsthaft die Umsetzung der Massnahmen, bis alle Mining-Aktivitäten im Land gestoppt wurden. Dies führte laut dem Cambridge Center for Alternative Finance zu einem sehr deutlichen Rückgang der Hashrate und einer Abwanderung vieler Mining-Unternehmen in andere Länder wie unter anderem die Vereinigten Staaten, Kasachstan, Russland und Kanada (Abbildung 3).

Die geopolitischen Auswirkungen dieser Migration können tiefgreifend sein: (1) Wenn man Berichten (z B. Reuters , Coindeskusw.) vertrauen kann, ist 2021 das Jahr, in dem sich China selbst der Möglichkeit beraubt hat, jegliche Kontrolle über das Bitcoin-Mining innerhalb seiner eigenen Grenzen auszuüben. Sollte Bitcoin in Zukunft als Reservewährung an Bedeutung gewinnen, wird es für China sehr kostspielig werden, wieder in das Spiel einzusteigen, und das Land wird niemals wieder eine marktbeherrschende Stellung einnehmen können. (2) Zwar hat die Migration zu einer gleichmässigeren Verteilung der Hash-Power geführt. Von Nachteil ist jedoch, dass die Rolle des dominanten Hosts einfach dem nächsten Land zugefallen ist, anstatt sich auf mehrere Länder zu verteilen: Die USA hosten jetzt über ein Drittel (35 %) der weltweiten Bitcoin-Hash-Leistung, eine Machtstellung, die unserer Überzeugung nach langfristig geopolitisch relevant sein wird. (3) Miner weltweit sind sich nun bewusst, dass ein stabiles regulatorisches Umfeld für das Mining-Geschäft sehr wichtig ist, da Unterbrechungen hohe Kosten verursachen. Künftig werden sie wahrscheinlich besser darauf vorbereitet sein, ihre Tätigkeiten noch schneller in andere Rechtsordnungen zu verlagern, und sich insgesamt zu einer “geoneutralen Unternehmung” (F2Pool) entwickeln. (4) Von Vorteil ist, dass der Energiemix des Bitcoin-Minings immer “grüner” wird, da die neuen Standorte ausserhalb Chinas, zumindest im Westen, erneuerbare Energiequellen für ihre Mining-Aktivitäten verlangen werden und insgesamt ein stabileres regulatorisches Umfeld für Bitcoin bieten.

Hat die rückläufige Hashrate das Bitcoin-Netzwerk geschädigt? Vorübergehend sicher. Nachrichten über ein staatliches Verbot von Teilen des Bitcoin-Modus sorgen immer für Unsicherheit. Die Märkte haben jedoch erkannt, dass die Hashrate nicht verloren gegangen ist, sondern nur an attraktive Standorte umgeschichtet wurde, und dass dieser Wechsel Zeit brauchte. Nach einem halben Jahr lag die Hashrate des Netzwerks wieder auf dem Niveau vor dem Verbot und bescherte den Minern, die in dieser Zeit online geblieben waren, zusätzliche Gewinne, da sich der Schwierigkeitsgrad nach unten korrigierte.

Zweites Ereignis: El Salvador wird zur ersten Bitcoin-Nation. Das zweite Ereignis von geopolitischer Bedeutung ist die Annahme von Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel in einem ersten Nationalstaat – ein Ereignis, das die meisten Beobachter, wenn überhaupt, erst viele Jahre später erwartet hatten. Der zentralamerikanische Staat El Salvador unternahm kurz nacheinander mehrere Schritte, um die Beziehungen seines Nationalstaats zu Bitcoin auf eine völlig neue Grundlage zu stellen.

Während sich China gänzlich gegen Bitcoin entschied und sich die meisten Staaten mit Kryptowährungen schwer tun, ergriff El Salvador mehrere mutige Massnahmen, die zu einem “All-in” auf Bitcoin führten:

– Juni: Parlament verabschiedet Bitcoin-Gesetz

– September: Bitcoin wird neben dem US-Dollar als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt.

– September: Mit einer Bitcoin-Prämie im Wert von USD 30 holt die Regierung in einem Monat 3 Millionen Bürger ins Boot.

– September-November: Der Staat erwirbt insgesamt 1.120 Bitcoins für einen Bitcoin- Liquiditätsfonds.

– November: Die Regierung kündigt eine Bitcoin-Anleihe im Wert von USD 1 Mrd. (10 Jahre, 6,5 % Kupon) an, um mit dem Kauf von Bitcoin eine steuerfreie “Bitcoin City” aufzubauen.

Diese Reihe von “Bitcoin-Weltneuheiten” für einen Nationalstaat ist überwältigend. Vielleicht ist es noch etwas verfrüht und dazu ein völlig neues Gebiet. Trotzdem wollen wir uns mit einigen möglichen Auswirkungen dieser Schritte beschäftigen:

(1) Entgegen den Empfehlungen des IWF und der Weltbank und ihrer Weigerung, technische Hilfe bei der Einführung von Bitcoin zu leisten, preschte El Salvador voran und signalisierte seine Absicht, einen unabhängigen und souveränen finanziellen Weg zu beschreiten. Unabhängig vom Ergebnis ist dies für ein dollarisiertes Land bemerkenswert, das nicht einmal zu den 100 grössten Volkswirtschaften gehört. Entweder sind die Regierung und ihre Berater völlige Narren, die mit den finanziellen Ressourcen ihres Volkes spielen – oder sie haben einen Plan, den nur wenige ausserhalb der Bitcoin-Community wirklich verstehen. Es bleibt abzuwarten, ob sich (noch) andere Länder 2022 genauso mutig vorwagen werden.

(2) Bitcoin zu einem gesetzlichen Zahlungsmittel zu erklären ist eine aggressive Möglichkeit für einen Staat, Bitcoin zur Verfügung zu stellen. Mehrere Kritiker verspotteten diesen ihrer Ansicht nach nicht liberalen Ansatz für eine Währung, die Freiheit und finanzielle Inklusion bringen soll. Dagegen kann vorgebracht werden, dass nur sehr wenige Länder die Bitcoin-Leitlinien von El Salvador befolgen können, da nur sehr wenige Unternehmen die Bitcoin-Leitlinien von MicroStrategy einhalten können – um sich so für Bitcoin “All-in” zu entscheiden. Nur die riskanteste Strategie bringt die grössten Gewinne, und nur wenige können dieser Strategie folgen.

(3) Das Onboarding von 3 Millionen Menschen in einem Monat zeigt auch, was mit Bitcoin Lightning in einer Bevölkerung mit mehr Mobiltelefonen als Bürgern technisch möglich ist. Als Nebeneffekt können 70 % der EL-Salvadorianer, die kein Bankkonto haben, nun sicher, schnell und kostengünstig Geldüberweisungen von ihren Angehörigen im Ausland entgegennehmen. 2020 beliefen sich die Überweisungen in El Salvador auf 24 % (!) des BIP bzw. auf fast USD 6 Mrd. Was würde passieren, wenn sich weitere Länder zur Lösung ihrer Überweisungsproblematik für Bitcoin entscheiden? Die Weltbank schätzt die Summe der Überweisungen, die 2020 nach Mittel- und Südamerika geflossen sind, auf insgesamt USD 88,5 Mrd. Ferner ist ein weiterer Kontinent mit ähnlichen Problemen konfrontiert: Afrika, das einen ähnlichen Betrag an Überweisungen aus dem Ausland in Höhe von USD 83,4 Mrd. verzeichnet. Jeder Einwohner in einem der 77 afrikanischen Länder wird das Konzept sofort begrüssen, finanzielle Unterstützung zu Hause (sicherer) digital (schneller) und ohne Überweisungsdienstleister (billiger) erhalten zu können. Da Bitcoin eine genehmigungsfreie Technologie ist, müssen diese Menschen nicht darauf warten, bis ihre Regierungen aktiv werden, sondern können einfach zu Bitcoin wechseln.

(4) Der Besitz von Bitcoin bietet der Regierung El Salvadors eine inflationsresistente Diversifizierung der nationalen Reserve, die ein Inhaberinstrument und keine schuldenbasierte Fiatwährung ist. Gold würde denselben Zweck erfüllen. Das Edelmetall ist aber teurer in der Verwahrung, umständlicher, wenn es darum geht, es in kleinen Mengen verfügbar zu machen, und kann online nicht genutzt werden. Angesichts der Tatsache, dass Bitcoin in winzigen Mengen verwendet werden kann (“Satoshis”, siehe unten), wollen wir eine schnelle spekulative Berechnung für das Szenario anstellen, dass das Land den US-Dollar aufgibt und vollständig auf Bitcoin umsteigt. Angenommen, die Regierung würde keine zusätzlichen Bitcoins kaufen: Wie viel Wert müsste ein Bitcoin dann darstellen, damit 1.120 Bitcoins künftig einem BIP von USD 26 Mrd. entsprechen? Der Preis pro 1 Bitcoin müsste den Wert von USD 23 Mio. der wirtschaftlichen Aktivität abbilden. In einem solchen Szenario würde 1 Sat ein Viertel Dollar darstellen. Diese sinnvolle Grösse kann bereits heute über das Bitcoin Lightning-Netzwerk abgewickelt werden.

Dank des Onboardings von Millionen von Menschen in kürzester Zeit wurde das Bitcoin Lightning-Netzwerk – die skalierbare Zahlungsebene, die auf dem Bitcoin-Netzwerk aufbaut – 2021 ins Rampenlicht gerückt. Im Vergleich zu Bitcoin-Transaktionen auf Base Layer ermöglicht das Lightning-Netzwerk kostenlose Echtzeit-Zahlungen, die kein Mining erfordern und skalierbar sind, ohne das Basisnetzwerk zu behindern. Die Anzahl der Nodes, die das Lightning-Netzwerk versorgen, hat sich verdoppelt, während sich die Kanalkapazität allein 2021 verdreifacht hat (vgl. Abbildung 4).

Drittes Ereignis: Das “Taproot” wird aktiviert. Am 14. November 2021 wurde das Taproot-Upgrade auf Blockhöhe Nr. 709632 aktiviert. Während die beiden vorherigen Entwicklungen es sogar in die Mainstream-Medien geschafft hatten, machte die Aktivierung von Taproot viel weniger Schlagzeilen, was nicht unbedingt gerechtfertigt ist, denn das Soft Fork “Taproot” gilt als das bedeutendste Upgrade des Bitcoin-Protokolls seit SegWit im Jahr 2017.

Taproot führt Schnorr-Signaturen ein (BIP-340). Sie verkleinern Multi-Sig-Transaktionen, indem sie die Aggregation von Signaturen ermöglichen, und erhöhen den Datenschutz, da TR-Transaktionen wie gewöhnliche Zahlungen aussehen, unabhängig davon, ob es sich um Lightning-Channel-Transaktionen, Multi-Sigs oder einfache Standardtransaktionen handelt. Taproot erweitert die Funktionalität von Smart Contracts durch die Einführung eines neuen Transaktionsausgabetyps, SegWit v1 (BIP-341), und erhöht den Datenschutz, indem es verschiedene Ausgabenpfade ermöglicht, von denen alle ausser dem ausgeführten verborgen bleiben. Taproot aktualisiert zudem die Skriptsprache von Bitcoin auf “Tapscript”, was eine komplexere, vertragsähnliche Kontrolle über die Ausgabe von Coins ermöglicht. Ausserdem führt es die Upgradefähigkeit für die Skriptsprache selbst ein.

Aus Nutzersicht liegen die Vorteile von Taproot in einer erhöhten Skalierbarkeit durch kleinere Transaktionen, einem verbesserten Datenschutz für Transaktionen und einem zukunftssicheren Upgrade auf Scripting. Zusammengenommen legt Soft Fork die notwendige Grundlage für “Bitcoin DeFi (BiFi)” in der Zukunft. Diese ist vielleicht nicht so leistungsstark wie die Virtual Machine von Ethereum, aber sie erreicht Smart-Contract-Funktionalität mit einer viel weniger komplexen technischen Architektur als Ethereum, insbesondere angesichts der Migration zu Proof-of-Stake und Sharding.

– Wir laden Sie ein, in dieser Outlook-Ausgabe unseren ausführlichen Artikel über Ethereums lange Kette von Forks in Richtung “The Merge” zu lesen!

Rationalität und Sensibilität in der Nachhaltigkeitsdebatte

Die unsachliche ESG-Debatte. Das Verbot Chinas und die daraus resultierende “grosse Mining-Migration” sowie das Konzept des “Vulkan-Mining” in El Salvador haben die Debatte über Bitcoins Energieverbrauch wieder angekurbelt. Aufgrund der steigenden institutionellen Akzeptanz von Bitcoin und Kryptowährungen wurde die Debatte auf den breiteren ESG-Kontext ausgeweitet, der die “ökologischen, sozialen und Governance-Aspekte” von Due-Diligence-Prüfungen für Anlageallokationen und Unternehmensbewertungen umfasst.

Die ESG-Debatte rund um den Bitcoin erweist sich aus mehreren Gründen als schwerfällig. Zum einen sind die inneren Bitcoin-Mechanismen, wo und wie Energie verbraucht wird und welche Auswirkungen zweiter Ordnung sich daraus ergeben, von Natur aus kompliziert, multidisziplinär und für viele schwer nachzuvollziehen. Zum Zweiten ist es aufgrund der Transparenz von Bitcoin zwingend erforderlich, dass die Komplexität abstrahiert und einfach zu messende Vergleichsgrössen gewählt werden. Ein Beispiel dafür ist in der Praxis der Vergleich des Stromverbrauchs von Bitcoin mit dem von Ländern. Das in diesem Kontext am häufigsten angeführte Land war 2021 Argentinien mit einem Stromverbrauch von 122 TWh 2019 laut der US Energy Information Administration. Ebendiese Datenquelle nutzte auch das Cambridge Center for Alternative Finance für seinen sinnlosen Ländervergleich. Warum sinnlos? Erstens ist Bitcoin kein Land. Zweitens sind Länder sehr unterschiedlich. Welches der folgenden Länder verbraucht den meisten Strom: Ukraine, Norwegen, Vereinigte Arabische Emirate oder Argentinien? Antwort: Ihr Stromverbrauch ist recht ähnlich (1,1 % Abweichung, US-amerikanische EIA-Daten), obwohl sich die Länder in fast allen anderen Aspekten stark unterscheiden: Bevölkerung, Region, menschliche Entwicklung, Bruttoinlandsprodukt usw. Der Stromverbrauch allein sagt im Ländervergleich nichts aus und seine Bedeutung ist sogar noch unerheblicher, wenn man ihn mit nichtstaatlichen Einrichtungen vergleicht.

Energie. Mehrere Quellen lieferten im Jahr 2021 quantitative Daten zum Stromverbrauch von Bitcoin. Der Bitcoin Mining Council (BMC) verwendet eine Selbstberichtsstudie, deren Befragte 33 % der weltweiten Mining-Hashrate abdecken. Gemäss dem BMC-Datenbericht Q3verbraucht Bitcoin jährlich 188 TWh. Dies entspricht 0,12 % der weltweiten Energieerzeugung bzw. 0,38 % der Energieverschwendung, da ein Drittel (!) der weltweit erzeugten Energie aufgrund von Ineffizienzen verlorengeht. Im Vergleich zu anderen Branchen liegt der Stromverbrauch für Bitcoin-Mining unter dem von Goldabbau (571 TWh), Computerspielen (214 TWh) und der Weihnachtsbeleuchtung (201 TWh). Ausgehend von Erfahrungswerten wird sich die Effizienz von Bitcoin-Mining laut BMC-Prognosen in den nächsten acht Jahren um das 24-fache verbessern.

Während die Energiefrage im Mittelpunkt der Debatte steht, wird den sozialen Auswirkungen und Governance-Aspekten von Bitcoin deutlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Wir stellen zu diesen beiden Aspekten einen qualitativen Überblick (Abbildung 5) bereit.

Die positiven sozialen Auswirkungen von Bitcoin sind in erster Linie auf sein genehmigungsloses Design zurückzuführen: Überall auf der Welt kann jeder Einzelne jederzeit die von Bitcoin angebotenen Finanzdienstleistungen nutzen und somit: einen beliebigen Betrag direkt an eine dritte Person senden oder von Dritten empfangen. Die einzige Voraussetzung dafür ist ein mit dem Internet verbundenes Gerät. In Ländern mit einem funktionierenden digitalen Bankensystem wie der Schweiz oder Westeuropa wird dieses Potenzial zur unabhängigen Selbstbestimmung vielleicht nicht so sehr geschätzt. Diese niedrige Eintrittsschranke kann jedoch das Leben der 1,7 Milliarden Menschen “ohne Bankkonto” weltweit (31 %) völlig verändern. Aus diesem Grund zielen 8 der 17 SDG-Ziele auf finanzielle Inklusion ab. Wenn sich Bitcoin-Zahlungen in El Salvador bewähren, können sich Wissen und Software-Tools wie ein Lauffeuer in Amerika und Afrika verbreiten.

Aus Governance-Sicht wird Bitcoin – auch von den Medien – weiterhin häufig als anarchistischer, undurchsichtiger, innerer Kreis, der Früheinsteiger begünstigt, und als ein insgesamt unfaires Umfeld für alle anderen dargestellt (zuweilen gilt Bitcoin auch als “Abzocke”). Diese Darstellung beruht in der Regel auf einem mangelnden Verständnis für die Verwaltung von Bitcoin als Open-Source-Projekt mit wirtschaftlichen Anreizen. Die Macht über die Bitcoin-Geldpolitik ist effektiv auf drei Einflussgrössen verteilt: Die Entwickler entscheiden, welche Softwareregeln “kodiert”/festgelegt werden, die Miner wählen die auszuführenden Regeln aus und die Nutzer (neben ihrer Eigenschaft als Bürger) beurteilen, welche Softwareregeln sie für legitim halten. Das aktuelle Regelwerk ist darauf ausgelegt, dass Bitcoin sowohl zensur- als auch beschlagnahmungsresistent ist – zwei Merkmale, die derzeit keine andere Geldform aufweist.

– Wir laden Sie ein, in dieser Outlook-Ausgabe unser ausführliches Interview mit Alex Gladstein über “Bitcoin, Menschenrechte und die ESG-Debatte” zu lesen!

Ethereum: Kambrische Explosion in der Smart Contract-Welt

Ob aufgrund des Erfolgs von Ethereum im “DeFi Summer 2020” oder weil die langsame Entwicklung der Plattform bezüglich Performance und Konsens allen Beteiligten die Geduld raubt – das Ethereum-Universum erlebte in den letzten anderthalb Jahren eine kambrische Explosion in alle Richtungen (Abbildung 6).

Was mit neuen Protokollen auf Ethereum begann, weitete sich seitwärts zu neuen, unabhängigen Smart-Contract-Plattformen aus, von denen einige EVM-kompatibel und andere völlig neu, einige symbiotisch und andere wettbewerbsfähig sind – gemein ist allen, dass sie Impulse gegeben und innovative Kräfte in alle Richtungen freisetzen.

Die andere Richtung zeigte aufwärts: Angefeuert durch Liquiditätspools, automatisierte Market Maker, die Kreditaufnahme und -vergabe ermöglichten, dezentrale Börsen, Stablecoins, Derivate, Prognosemärkte und mehr hat der DeFi-Raum im engeren Sinne neue Nachbarn bekommen. Nicht fungible Token (NFTs) eroberten einen eigenen Raum: Angefangen bei Kunstwerken und Tieren verschiedener Arten entwickelten sich Marktplätze, Play-to-Earn-Modelle schufen GameFi, und in jüngster Zeit spricht man vom Metaverse, das als virtuelle Welt schon lange existiert.

Kein Wunder, dass die Ethereum-Entwickler sich voll und ganz darauf konzentrieren, Ethereum für die nächste Stufe fit zu machen und den Gordischen Knoten der Blockchain-inhärenten Beschränkungen zu zerschlagen. Die Arbeit an Layer-2-Skalierungslösungen explodierte in alle Richtungen: State-Channels, verschiedene Arten von Rollups, Sidechains, Plasmachains usw.

– Wir laden Sie ein, in dieser Outlook-Ausgabe unseren ausführlichen Artikel zu “Ethereum 2.0” zu lesen!

Dezentrale Finanzdienstleistungen: “The Road ahead”

Aus quantitativer Sicht ging der DeFi-Markt 2021 durch die Decke. Der in DeFi-Ketten (nicht nur Ethereum) gebundene Gesamtwert (TVL) schnellte von USD 21,5 Mrd. auf USD 255,1 Mrd. YTD, was einem Faktor von fast zwölf entspricht. Trotz des zunehmenden Wettbewerbs beherrscht Ethereum mit einem TVL von USD 166 Mrd. (65 %) jedoch weiterhin den DeFi-Bereich.

In dieser Outlook-Ausgabe erläutert Prof. Fabian Schär (Universität Basel) verschiedene Trends im Bereich Decentralized Finance (DeFi), die sich seiner Ansicht nach im nächsten Jahr entfalten werden. Wir listen diese Trends lediglich auf und laden Sie ein, seinen Artikel auf Seite XXX zu lesen: (1) der Umgang der Regulierungsbehörden mit dem “Dezentralisierungstheater”, (2) der Markt für Institutionen auch in dezentralen Protokollen, (3) die Verbesserungen der Governance über Governance-Token hinaus, (4) das vermehrte Fehlverhalten von “Maximal Extractable Value (MEV)” durch Miner/Validatoren und (5) Layer-2-Skalierbarkeit und -Entwicklungen.

  • Lesen Sie hierzu in dieser Outlook-Ausgabe den Beitrag von Prof. Schär zum Thema “Decentralized Finance” !

Eine der angesagtesten Elemente von DeFi sind nicht fungible Token oder NFTs. Ein NFT kann mit einem Kunstwerk verglichen werden, da er ein einzelnes digitales, sammelbares Objekt darstellt. Die Zahlen? Der NFT-Gesamtumsatz lag 2021 seit Jahresbeginn bei USD 300 Mio. mit 79’100 Verkaufstransaktionen, was einen NFT-Wert von durchschnittlich USD 3’780 ergibt. Mit beliebten Serien, die 10’000 mehr oder weniger abwechslungsreiche Versionen von gepixelten Bored Apes oder CryptoPunksausgeben, kündigt Sotheby NFTs als die “Zukunft der Kunst” an, während ein ehemaliger Auktionär von Christie’s das Konzept für “sinnlos” hält.

Während der Wert der Kunst im Auge des Betrachters liegt, können NFT-Anwendungsfälle auch einen Gebrauchswert haben: sei es in virtuellen Welten wie in DecentraLand oder Axie Infinity, in neuen wissenschaftlichen Finanzierungsmodellen wie STEM-Genesis sowie in einem Dutzend anderer Anwendungsfälle.

Conclusion

Das Jahr 2021 war nicht nur für die Kryptomärkte äusserst ereignisreich. Die wirtschaftlichen Nachwirkungen der zahlreichen COVID-Massnahmen belasteten unsere Gemeinschaften zum Teil sehr. Zwar tendierten alle wichtigen Börsenindizes 2021 nach oben, aufgrund des Inflationsanstiegs erscheinen diese Zahlen jedoch als weniger verlässlich.

Vor diesem Hintergrund bzw. aufgrund dessen hat Bitcoin eine beeindruckende positive Wertentwicklung vorgelegt und 2021 eine Vielzahl von Rekordmarken durchbrochen. Nennenswert sind zudem die folgenden drei Events: Die grosse Mining-Migration aus China, die keine nachhaltig negativen Auswirkungen auf die allgemeinen Marktaussichten hatte. Die positiven Impulse durch die Entscheidung El Salvadors, Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel zu akzeptieren, was die Lightning-Technologie ins Rampenlicht rückte und die Verwendung von Bitcoin für kleine Zahlungen ansteigen liess. Und das Taproot-Upgrade, das den Weg für “Bitcoin DeFi” ebnete.

Die Debatte rund um den Bitcoin-Energieverbrauch hat sich zu einer vollwertigen Nachhaltigkeitsdebatte entwickelt, die auch soziale und Governance-Aspekte in den Diskurs miteinbezieht.

Ethereum und DeFi erleben eine kambrische Explosion von Protokollen, Projekten und Plattformen, wobei NFTs nur die neueste Iteration der Exploration darstellt.

Der Kryptoraum expandiert in unglaublichem Tempo in alle Richtungen. Während einige Entwicklungen verrückte, übertriebene Hypes mit wenig praxisnaher Grundlage zu sein scheinen, werden andere unterschätzt und können tiefgreifende Umwälzungen in Gang setzen. Krypto zu denken muss daher immer bedeuten, den Blick über den Tellerrand hinaus zu wagen.

Marcus Dapp

Head of Research