16th November, 2020 — Dr. Raffael Huber

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Letzte Woche waren alle Blicke auf die US-Präsidentschaftswahlen vom 3. November gerichtet. Als mit der Stimmauszählung die Unsicherheit der Märkte über den wahrscheinlichen Ausgang abnahm, legten Krypto-Werte allgemein stark zu.

Abbildung 1: Seit Anfang November und während der US-Wahlwoche zeigten BTC und ETH eine solide Performance und stiegen um 11% bzw. 16% (bei Verfassen dieses Artikels). Der Dollar notierte weiterhin schwach.
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Quelle: tradingview.com.

Während die weltweite Aufmerksamkeit auf anderes gerichtet war, erreichte die Kryptowelt erneut einen wichtigen und lang erwarteten Meilenstein: den offiziellen Start des Einlagenvertrags für Ethereum 2. Der ETH-Preis reagierte auf den bestätigenden Tweet von Ethereum-Mitbegründer Vitalik Buterin, dies sei der offizielle Einlagenvertrag, mit einem Kurssprung.

Abbildung 2: ETHUSD zum Zeitpunkt der offiziellen Bekanntgabe des Einlagenvertrags. Der schwarze Pfeil zeigt den Zeitpunkt des Tweets von Buterin an, auf den der steile Anstieg um 5% folgte.
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Quelle: tradingview.com

Der Einlagenvertrag selbst wurde bereits am 14. Oktober umgesetzt, über seine Echtheit herrschte jedoch noch Unklarheit. Dazu einige Nebensächlichkeiten: Der Einlagenvertrag wurde von einer Adresse bereitgestellt, die über tornado.cash finanziert wird, ein Datenschutzprotokoll für Ethereum, das Zero-Knowledge-Proofs verwendet. Der Rest der Gelder wurde an WikiLeaks gespendet.

Als Lancierungsdatum für die Beacon-Chain (Ethereum 2 Phase 0, siehe unten) gilt nun, um unvorhergesehene Komplikationen auszuschliessen, der 1. Dezember. Dazu müssen ETH 524’288 im Einlagevertrag hinterlegt werden, was den 16’384 Validatoren entspricht, die für den Start der neuen Blockchain erforderlich sind (jeder Validator benötigt genau ETH 32). Bisher wurden rund ETH 47’500 hinterlegt.

Was ändert sich?

Die wichtigste Veränderung für die Kryptomärkte, die der Start der Beacon-Chain mit sich bringen wird, ist das Staking mit ETH. ETH ist damit zur Kryptowährung mit der höchsten Marktkapitalisierung aufgestiegen, die auf Proof-of-Stake beruht und somit die Möglichkeit zum Staken bietet. Die Staking-Prämien dürften zunächst im Bereich von 10-15% liegen (ETH 0,8-2M gestakt) und relativ schnell auf 6-10% fallen (ETH 2-6M gestakt), wenn sich mehr Personen dafür entscheiden, ihre ETH zu staken.

Diese hohen, im Einlagenvertrag gesperrten ETH-Beträge könnten an den ETH-Märkten auch die Volatilität in die Höhe treiben. Darüber hinaus sollten das mögliche Staken von ETH und die voraussichtlich nicht unerheblichen Staking-Prämien dazu führen, dass die Kredit- und Darlehenssätze für ETH in DeFi-Protokollen wie Compound oder Aave angepasst werden.

Die Teilnahme an der Beacon-Chain (die Anzahl der Personen, die staken wollen) wird ebenfalls zeigen, ob die wirtschaftlichen Anreize angemessen sind und ausreichen, um genügend Validatoren mit ins Boot zu holen. Durch diesen ersten Test mit echtem Kapital soll gezeigt werden, dass das, was in verschiedenen Ethereum-2-Testnetzen (wie Medalla) funktioniert hat, auch in der Mainnnet-Realität realisierbar ist.

Kurzfristig (bis Phase 1.5, siehe unten) wird sich auch die Gesamtausgabe von ETH erhöhen, da die Kryptowährung sowohl zur Sicherung der aktuellen Ethereum-Chain (mit Proof-of-Work) als auch der neuen Beacon-Chain verwendet wird. Die Gesamtemission wird demnach von derzeit ca. 4% auf rund 6% steigen.

Was bleibt gleich?

Ethereum wird durch die Einführung der Beacon-Chain nicht sofort skalierbarer – die Vorteile für die Skalierbarkeit werden erst in den späteren Phasen von Ethereum 2 sichtbar. Anzumerken ist jedoch, dass sich in letzter Zeit andere Skalierungstechniken als vielversprechend erwiesen haben.

Gestakte ETH sind mindestens bis Phase 1 von Ethereum nicht übertragbar. Deshalb werden sie auch als «Beacon ETH», «bETH» oder «ETH2» bezeichnet, bis die vollständige Fungibilität mit nicht gestakten ETH wiederhergestellt ist. Das bedeutet aber auch, dass ein Teil der insgesamt neu emittierten ETH (voraussichtlich rund 6% jährlich) für einige Zeit gesperrt bleibt. In einer früheren Episode zu Ethereum 2 wurde zudem die mögliche Entwicklung eines ETH2-Futuremarkts erläutert, und wir haben mögliche Liquiditätsprämien für einen solchen Markt diskutiert.

Die aktuelle Ethereum-Chain bleibt wie gewohnt in Betrieb, soll aber zu einem späteren Zeitpunkt mit der neuen Ethereum-2-Chain zusammengelegt werden. ETH-Inhaber müssen folglich nur darüber entscheiden, ob sie staken wollen oder nicht.

Phasen von Ethereum 2 und aktuelle Entwicklungen

Die Phasen, die Ethereum 2 durchlaufen wird, sind im Bericht Outlook2020 detailliert dargelegt. Hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Fakten:

• Phase 0: In dieser Phase wird die Beacon-Chain gestartet. Sie entspricht noch keiner voll funktionsfähigen Ethereum-Blockchain, sondern stellt lediglich die Base Layer bereit und dient als Test für die wirtschaftliche Anreizstruktur von ETH-Prämien für Validatoren.

• Phase 1: In Phase 1 wird das Sharding eingeführt. Shards sind separate Blockchains, die über einer Koordinationskette verlaufen (in diesem Fall die Beacon-Chain), wobei davon auszugehen ist, dass diese Parallelisierung der Blockchain erhebliche Skalierungsvorteile mit sich bringen wird. «Beacon ETH» können bereits in dieser Phase übertragen werden.

• Phase 2: In dieser Phase ist die neue Ethereum-Chain voll funktionsfähig und bietet beispielsweise Funktionen für Smart Contracts. Die alte (aktuelle) Ethereum-Chain wird als Shard in die neue Kette integriert.

Die Forschungsarbeiten zu den einzelnen Phasen werden parallel, nicht nacheinander durchgeführt: Probleme und Hindernisse späterer Phasen können also gelöst werden, während sich frühere Phasen noch in der Umsetzung befinden.

Mehrere neuere Entwicklungen, die in der Community breite Unterstützung gefunden haben, beziehen sich auf die Einführung einer «Phase 1.5». Die Phase 1.5 würde die derzeitige Ethereum-Chain als Teil von Ethereum 2 integrieren, was zu einem starken Rückgang der ETH-Emissionen (um etwa 66%) und zum Ende des Proof-of-Work-Mechanismus auf Ethereum führen würde. Vor dem Hintergrund vielversprechender Skalierungstechniken wie Zero-Knowledge-Rollups fand kürzlich indessen der Ansatz «Phase 1.5 and done» grösseren Anklang.

Bei diesem Ansatz würden Shards als Layers für die Datenverfügbarkeit dienen: Ihr Hauptzweck wäre die unveränderbare Aufzeichnung von Zero-Knowledge-Proofs für Transaktionen und Smart-Contract-Interaktionen. Die meisten effektiven Transfers und Vertragsausführungen würden auf der zweiten Layer erfolgen. Begründet wird dies damit, dass bereits heute Second-Layer-Lösungen grössere Skalierbarkeitsvorteile als die ursprüngliche Ethereum-2-Roadmap bieten könnten. Mit dieser Kombination könnte Ethereum auf über 100’000 Transaktionen pro Sekunde gepusht werden, also auf das Level, das für eine weltweit genutzte Abrechnungs-Layer erforderlich ist, während weiterhin eine ausreichende Dezentralisierung gegeben wäre.

Fazit

Ethereum 2 ist endlich in Reichweite, aber der Weg zu einer voll funktionsfähigen Ethereum-Chain auf der Grundlage von Proof-of-Stake ist noch lang. Dennoch ist dieser Schritt, der seit dem ersten Block im Juli 2015 geplant war, wichtig für Ethereum insgesamt. Die jahrelange Forschung dürfte sich auszahlen, und die Vorteile in Bezug auf die Blockchain-Sicherheit und die Skalierbarkeit können nun endlich ausgeschöpft werden.

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