9th Juli, 2019 —

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Am Anfang gab es … Muscheln. Diese schönen Objekte wurden als eine der frühen Arten von Geld in Afrika, Indien und China verwendet, um sie gegen andere Dienstleistungen und Güter zu tauschen. Warum aber gaben alten Kulturen den Tauschhandel überhaupt auf und nutzten stattdessen ein indirektes Tauschmittel?

Die Notwendigkeit von Geld entstand auf natürliche Weise durch die steigende Anzahl von Zivilisationen und die parallel zunehmende Arbeitsteilung. Ressourcen wie Erzbergwerke oder Ackerland waren räumlich weit zerstreut, sodass mit der Bevölkerung in diesen Gebieten gehandelt und deshalb ein weithin akzeptiertes Zahlungsmittel eingeführt werden musste. Bis heute begünstigt Geld (engl. «money», von lateinisch «monere», erinnern) den indirekten Austausch von Waren und Dienstleistungen und ermöglicht, deren Preise zu vergleichen. In einer weiteren zentralen Funktion fungiert Geld als Wertaufbewahrungsmittel: Arbeiten, die heute geleistet werden, können zu einem späteren Zeitpunkt vergütet werden.

Im Lauf der Jahrhunderte hat Geld viele verschiedene Formen angenommen. Die mesopotamische Zivilisation verwendete Schekel, die sowohl eine Gewichtseinheit von Gerste als auch äquivalente Mengen von Metall darstellten. Rund 600 v. Chr. tauchten in der Region um das Ägäische Meer die ersten Münzen aus Edelmetallen wie Silber oder Gold auf. Der Vorteil metallischer Münzen bestand darin, dass sie nicht nur einen Nennwert (Wert, der auf dem Vertrauen beider Parteien beruhte), sondern aufgrund ihres Metallgehalts auch einen Eigenwert hatten, sodass sie grenzüberschreitend angenommen wurden. Im 11. Jahrhundert wurde in China das Papiergeld entwickelt, und die Idee fand ihren Weg nach Europa durch Entdecker wie Marco Polo, die von ihren Abenteuern zurückkehrten. Europäische Banknoten wurden erstmals 1661 von der «Stockholms Banco» herausgegeben. Britische Goldschmiede gaben an Goldeinleger Schuldscheine aus, die gegen das dem Goldschmied anvertraute Gold eingelöst werden konnten. Diese waren letztlich nicht nur die Vorläufer modernerer Währungen, die gegen Gold oder Silber eingetauscht werden konnten, sondern legten auch den Grundstein für das heutige Mindestreserve-Bankwesen und die Schuldenwirtschaft.

«Die Vereinigten Staaten können alle ihre Schulden tilgen, weil wir jederzeit das dafür benötigte Geld drucken können.» – Alan Greenspan

Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war Gold immer noch das Rückgrat aller internationalen monetären Transaktionen, und ein fester Wechselkurs zum Gold wurde als vorteilhaft angesehen, um die Handelsrisiken zwischen den Ländern zu verringern. Die wirtschaftlichen Turbulenzen infolge des Ersten Weltkriegs, die schliesslich zum Auslöser des Zweiten Weltkriegs wurden, zwangen die Führer der 44 verbündeten Nationen im Juli 1944 zu einem Treffen in Bretton Woods, wo in einem gemeinsam unterzeichneten Abkommen die Wechselkurse zwischen den einzelnen Währungen und dem US-Dollar festlegt wurden. Der Dollar selbst war zu einem Kurs von 35 USD pro Unze in Gold konvertierbar. Unter anderem aufgrund der in den Folgejahren aufgetretenen wirtschaftlichen Unterschiede, insbesondere des stärkeren Wachstums Europas und Japans im Vergleich zu den USA, haben die USA 1971 einseitig beschlossen, die feste Konvertierbarkeit von Dollar in Gold aufzugeben (bekannt als Nixon-Schock). Die meisten Währungen sind seither sogenanntes Fiatgeld: Ihnen liegt einzig das Vertrauen der Menschen in die Regierungen zugrunde, die sicherzustellen haben, dass das Geld auch künftig weitgehend akzeptiert und eine Geldpolitik betrieben wird, die die Kaufkraft der Währung relativ stabil hält.

Aufgrund der enormen Fortschritte in der Informationstechnologie ist Geld heute zu mehr als 90% digital und existiert ausschliesslich als Nullen und Einsen in den Datenbanken der Banken. Das Aufkommen von Kryptowährungen, angefangen mit dem Bitcoin-Whitepaper von Satoshi Nakamoto im Jahr 2008, ist eine logische Fortsetzung unseres Digitalisierungszeitalters. Kryptowährungen erfüllen alle Anforderungen, die an ein weit verbreitetes Austauschmedium gestellt werden: Kryptowährungen wie Bitcoin sind fungierbar (kein Bitcoin unterscheidet sich von einem anderen), schwer zu fälschen (nämlich nur, indem Kontrolle über das gesamte Netzwerk erworben würde), langlebig (Bitcoins können verloren gehen, aber nicht zerstört werden), leicht übertragbar und teilbar (in bis zu 100 Millionen Einheiten pro BTC, Satoshis genannt). Und im Gegensatz zu den von Zentralbanken ausgegebenen Währungen ist die Versorgung mit Kryptowährungen programmatisch klar definiert und begrenzt. So wird sich die Anzahl sämtlicher im Umlauf befindlicher Bitcoins bis zum Jahr 2140 mit einem klar definierten Inflationsmuster der Marke von 21 Millionen annähern, was die digitale Währung zu einem potenziellen Wertaufbewahrungsmittel ähnlich wie Gold macht.

Die Finanzindustrie hat den Bedarf und das Potenzial digitaler blockchainbasierter Systeme erkannt. JP Morgan hat eine eigene digitale Münze lanciert, UBS leitet ein Projekt zur Erstellung einer Abrechnungsmünze und die Chinesische Volksbank (die Zentralbank Chinas) hat kürzlich als Reaktion auf Libra von Facebook angekündigt, eine digitale Währung zu entwickeln. Wie in allen sich schnell entwickelnden technologischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Bereichen wird die Zeit zeigen, was sich durchsetzt.

«Bitcoin ist der Anfang von etwas Grossartigem: Eine Währung ohne Regierung, etwas Notwendiges und Zwingendes.» – Nassim Taleb

Wo stehen wir heute in der Entwicklung von Geld?

In diesem Monat waren Bitcoin- und Distributed-Ledger-Unternehmen wie Libra von Facebook das Hauptthema der Regulierungsbehörden in den USA und Deutschland. Die Fed, der Senat, der Kongress, das Weisse Haus und sogar der Präsident der Vereinigten Staaten haben sich dazu geäussert. Die Hauptbotschaft lautete: Wir mögen Innovation, aber bitte hören Sie jetzt auf, innovativ zu sein oder tun Sie es zumindest ein wenig langsamer, damit wir mitkommen. Digitalisierung und Informationstechnologie entwickeln sich exponentiell, während die Regulierung einer linearen Entwicklung folgt. Das erklärte Ziel der Regulierungsbehörden ist es, den Kunden Sicherheit zu bieten und illegale Aktivitäten wie kriminelle oder terroristische Machenschaften zu stoppen.

Es gibt jedoch noch einen weiteren wichtigen und selten diskutierten Grund, warum die Regierungen der Einführung staatenloser Währungen skeptisch gegenüberstehen: die Seigniorage. Als Seigniorage oder Geldschöpfungsgewinn wird die Differenz bezeichnet, die zwischen dem Wert des Geldes und den Kosten für seine Herstellung und Verteilung besteht. Hierbei handelt es sich um eine Vermögensübertragung von den späteren Empfängern auf die früheren Empfänger der neu geschaffenen Währungen, den sogenannten Cantillon-Effekt. Seigniorage ist zu einer immensen Einnahmequelle für Regierungen und Banken geworden, und jedes von Unternehmen ausgegebene Geld und jede Kryptowährung, die nicht mit der lokalen Währung unterlegt ist, kann dieses Geschäft stark beeinträchtigen.

«Auf diese Weise kann die Regierung heimlich und unbeobachtet den Reichtum der Menschen konfiszieren, und kein Mensch in einer Million wird den Diebstahl erkennen.» – John M. Keynes

Die Rolle des Staates bei der Geldproduktion wurde in den letzten 150 Jahren nur selten in Frage gestellt. Grossbritannien, die USA und die Schweiz hoben die Bindung an Gold jeweils 1931, 1971 und 1999 auf. Die Kopplung einer Währung an Vermögenswerte wie Edelmetalle oder Kryptowährungen schränkt die Zentralbanken in ihrer Fähigkeit ein, Geld zur Finanzierung politischer Ziele über Seigniorage – von Ökonomen auch Inflationssteuer genannt – zu drucken. Drei wichtige gesetzliche Elemente schützen das Monopol des Staates: das gesetzliche Zahlungsmittel, die Kapitalertragsteuer und die Mehrwertsteuer. Das Gesetz über das gesetzliche Zahlungsmittel legt fest, welche Vermögenswerte zur Zahlung von Steuern verwendet werden können. Auf diesem Weg wird sichergestellt, dass das vom Staat produzierte Geld eine gewisse Nachfrage haben wird. Die Kapitalgewinne und Mehrwertsteuer werden verwendet, um Anleger zu bestrafen, die anstelle staatlicher Fiatwährungen alternative Gelder halten. In diesem Zusammenhang erklärte der deutsche Finanzminister Olaf Scholz diese Woche: «Die Herausgabe einer Währung gehört nicht in die Hände von Privatunternehmen […]. Der Euro ist und bleibt das einzige gesetzliche Zahlungsmittel im Euroraum.»

Als Reaktion auf die weltweite Finanzkrise fluteten die Notenbanken die Märkte weltweit mit Liquidität, um die Anlagenpreise aufzuwerten und das Geldsystem in Schwung zu halten. In der Folge haben die Schweizer Immobilienpreise und der Swiss Market Index nominale Höchststände erreicht. Das zunehmende Wohlstandsgefälle hat auch die politische Polarisierung und die wirtschaftliche Instabilität verstärkt. Die Grafik zeigt das Wachstum der Geldmenge M3 für US-Dollar, Euro und Schweizer Franken. Diesbezüglich wird ein Vergleich zur Marktkapitalisierung von Gold und Bitcoin in US-Dollar angestellt.

Abbildung 1: Die Geldmengen von Euro, Schweizer Franken und US-Dollar werden gestapelt dargestellt, während Gold und Bitcoin nicht gestapelt sind
E1 Chart 1
Quelle: St. Louis Fred, OECD, Coinmarketcap.com, Incrementum AG

Stehen wir kurz vor einem Paradigmenwechsel?

Viele Schweizer Städte akzeptieren Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel für die Entrichtung von Steuern. In der Schweiz fällt indessen keine Kapitalertragssteuer auf Edelmetalle und Kryptowährungen an, während Silber einer Mehrwertsteuer unterliegt. Dies trägt dazu bei, die Wettbewerbsbedingungen zwischen Fiat-Währungen und anderen Anlageklassen auszugleichen. 50 Jahre nach der bahnbrechenden Entdeckung asymmetrischer Verschlüsselung und des Internets sind wir nun in das Zeitalter der Kryptowährungen eingetreten. Ein Wettlauf zur Schaffung der optimalen Geldform hat begonnen, und bisher gibt es drei Hauptkontrahenten: staatlich ausgegebene Zahlungsmittel, unternehmensbezogene Zahlungsmittel und dezentrale Kryptowährungen. Technologische Innovationen können nicht rückgängig gemacht werden, und das Entstehen eines neuen Geldsystems ist unvermeidlich. Bereits heute setzen Anleger darauf, dabei ist ein diversifizierter Ansatz häufig bescheidener und umsichtiger.

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