Outlook_2020_Articles_001

1. Warum haben Bitcoin und Kryptowährungen Bestand?

Arthur: Bitcoin ist der Archetyp eines antifragilen Systems und ein Sinnbild der hyperbeschleunigten IT-Ära, in der wir heute leben. Viele Blockbuster-Innovationen nahmen ihren Anfang in der sprichwörtlichen Garage und wurden von einer Handvoll hochbegabter Menschen entwickelt. Und nun kommt Bitcoin. Eine globale Währung, die in der Garage konzipiert wurde? Ein ziemlich ausgebufftes Ding. Kein Wunder also, dass Bitcoin zunächst ignoriert und dann von vielen Very Important Persons unseres aktuellen Establishments lächerlich gemacht wurde.

Doch nicht jeder ist in den Chor derjenigen eingefallen, die rufen «Bitcoin wird bald scheitern». Noch bevor Bitcoin auf den Plan trat, sagte der recht visionäre Milton Friedman:

«Das eine, was noch fehlt, aber bald entwickelt werden wird, ist ein zuverlässiges elektronisches Bargeld, eine Methode, mit der man im Internet Geld von A nach B schieben kann, ohne dass A B kennt oder umgekehrt.»

Das fasst es ziemlich gut zusammen – im Zeitalter des Internets brauchen wir Geld, das im Internet zuhause ist. So einfach ist das.

Niklas: Bitcoin ist als Assetklasse sowie als Abrechnungs- und Bezahlnetzwerk inzwischen über zehn Jahre alt. Es bietet eine wertvolle Alternative zu den klassischen Fiatwährungen, sowohl als Abrechnungs- und Zahlungsmittel als auch als Wertaufbewahrungsmittel. Es ist das weltweit erste wirklich digitale Geld in Form von Daten. Und damit gehen grosse Vorteile einher hinsichtlich Nutzen, Transparenz und Automatisierung.

Die Bitcoin-Akzeptanz war noch nie so hoch und nimmt weiter zu. Ich sehe deshalb keinen Grund, warum Bitcoin nicht sowohl in der Verwendung als auch wertmässig weiter zulegen sollte – und warum die digitale Währung nicht in zehn Jahren weiter bestehen und ihr zwanzigstes Jubiläum feiern sollte.

2. Könntet Ihr uns, bevor wir uns auf 2020 und die Zeit danach freuen, einen kurzen Überblick über die wichtigsten Auf- und Abwärtsbewegungen des Kryptomarktes 2019 geben?

Niklas: 2018 und 2019 durchlebten die Kryptomärkte eine starke Korrektur, nachdem die Marktwerte 2017, als Bitcoin von 1’000 USD auf 20’000 USD kletterte, deutlich überbewertet waren. Während des sogenannten ICO-Booms wurden zahlreiche neue Blockchains auf den Markt geworfen, in die sehr grosse Mengen an Bitcoin und Ether flossen. Die meisten dieser Kryptowährungen traten an, um die nächste Bitcoin oder Ethereum zu werden – und nur wenige von ihnen konnten dieses Versprechen halten. Das hat das Vertrauen in Kryptoassets generell untergraben, und zudem wirkte sich die Freigabe und Liquidation der Assets von ICO-Unternehmen negativ auf die Märkte aus.

Ich glaube jedoch, dass sich dies 2020 ändern wird, da Ethereum gegenwärtig auf ETH2 migriert und Bitcoin sich erneut einem Inflations-Halving nähert. Ich prognostiziere für Februar, dass sich wieder ein positiver Trend einstellen wird.

3. Welche Trends habt Ihr in dieser Zeit beobachtet?

Arthur: Anscheinend wird praktisch alles über das Internet miteinander verbunden sein, was kein ganz angenehmer Gedanke ist. So entstehen aber auch eine Vielzahl neuer Peer-to-Peer-Märkte. Und ein Peer kann fast alles sein: ein Mensch, eine Maschine, ein Gebäude, ein Objekt. Damit diese Märkte jedoch richtig funktionieren, brauchen sie Preisfindungsmechanismen und ein angemessenes Zahlungsmittel. Hier kommt Bitcoin oder eine technische Variante davon ins Spiel.

Niklas: Im Lauf des Jahres 2019 haben sich grosse Kryptoassets aus der Korrektur von 2018 herausgearbeitet und versucht, ihren wahren Marktwert zu finden. Bitcoin startete das Jahr bei knapp 4’000 Dollar, ging auf ein Hoch von 13’000 Dollar und verabschiedete sich zum Jahresende bei rund 8’000 Dollar. Ethereum stand aufgrund von Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Einführung von ETH2 das ganze Jahr unter Druck. Der Nachschock des ICO-Booms und die Korrektur von 2018 waren meiner Ansicht nach die Haupttreiber für den Markt 2019. Ihr Einfluss war viel grösser als die Auswirkungen durch Regulierung und Industrie, und der Trend geht weiter in Richtung Stabilisierung.

Die Zeit der grossen Korrektur scheint vorbei zu sein. Möglicherweise wird auf den Kryptowinter sogar ein Kryptofrühling folgen, wenn die Monate 2020 wärmer werden.

4. Kryptowährungen werden zunehmend als neue Anlageklasse akzeptiert. Sind wir schon soweit, dass wir sie wie beliebige andere Anlagewerte behandeln können? Und wenn ja oder falls nein, was sind die jeweiligen Gründe dafür?

Arthur: Es wird eine Weile dauern, bis Kryptowährungen oder allgemeiner Kryptoassets als etablierte, alternative Anlageklasse angesehen werden. Bis dies geschieht, müssen wir möglicherweise noch einige Jahre warten. Aber der Blick auf unsere jüngsten Partnerschaften mit Amun, Emaar oder Worldline lässt uns klar erkennen, wohin die Reise geht. Daher bin ich der festen Meinung, dass Anleger Kryptoassets als potenziell investierbare Anlageklasse betrachten sollten. Und vielleicht sollten sie sogar ihr Gesamtportfolio mit einem geeigneten Anteil an Kryptovermögen bereichern und diese hodlen. Das ist natürlich nur als Überlegung gemeint …


5. Offen gesagt, die Kryptotechnologie verändert und entwickelt sich ständig weiter. Welche technischen Entwicklungen erwarten uns 2020?

Niklas: Die Kryptotechnologie steckt ebenso wie die Technologie des Ökosystems um sie herum noch in den Kinderschuhen. Die Entwicklung schreitet jedoch nicht nur auf bei technologischen Aspekten voran, sondern auch im Hinblick auf die regulatorischen Rahmenbedingungen und das Ökosystem im Allgemeinen.

Zu den Dingen, auf die im Jahr 2020 geachtet werden sollte, gehören unter anderem: die Einführung von ETH2, die Migration des ETH-basierten Ökosystems auf ETH2 sowie die Entwicklung dezentraler Finanzdienstleistungen (DeFi). Auch die Einführungen des Telegram-Netzwerks (TON) sowie der Libra sollten nachverfolgt werden. Und dazu kommt natürlich die unausgesprochen grösste Herausforderung: das Bitcoin-Halving. 2020 wird ein ereignisreiches und sehr spannendes Jahr werden.

6. Bitcoin Suisse hat sich als lizenzierte Kryptobank beworben. Jeder möchte wissen, was sich für das Unternehmen dadurch ändert. Was könnt Ihr uns dazu sagen?

Arthur: Wir haben uns in den letzten sechs Jahren als vertrauenswürdiger, sicherer und zuverlässiger Partner für alle unsere Kunden etabliert. Und wir werden unser exzellentes Serviceangebot auf genau dem Weg weiterentwickeln, den wir seit 2013 beschreiten. Wir führen laufend Verbesserungen und Innovationen ein, um das Angebot zu erweitern, und gehen regelmässig neue strategische Partnerschaften mit renommierten globalen Marken ein. Aber unter dem Dach einer Bank- und Makler-/Händlerlizenz wäre zweifellos noch mehr möglich.

Niklas: Bitcoin Suisse ist seit jeher ein sich entwickelndes Unternehmen. Im Sommer 2020 feiern wir unser siebenjähriges Bestehen. Auf Kryptomärkten kann ein Unternehmen jedoch nur dann bestehen, wenn es ständig Verbesserungen und Innovationen anstösst und sich stets neu erfindet.

Im Hinblick auf die Banklizenz selbst ändert sich weniger, als viele annehmen mögen. Selbstverständlich bieten wir unseren Kunden auf eigenen Namen lautende Cash Accounts an. Wir werden auch in der Lage sein, Einlagen kostengünstiger zu managen, was unsere Preise deutlich wettbewerbsfähiger machen wird. Wir werden mit dem Handel von Kryptoanleihen und Stablecoins beginnen, aber auch mit synthetischen Assets wie Mini-Futures und Produkten zum Shorten der wichtigsten Kryptoassets. Wir werden unser Anleihen- und Darlehensgeschäft und das Liquiditätsbusiness ausbauen und unser Staking-Angebot erweitern.

Last, but not least werden wir ein Angebot für die Öffentlichkeit lancieren, wahrscheinlich in Form einer vereinfachten Zahlungsüberprüfung (SPV), damit in Bitcoin Suisse investiert werden kann. Auf diese Weise werden wir unser Gesellschaftskapital von derzeit rund 50 Mio. Franken auf rund 100 Mio. erhöhen und bei unserem Eintritt in die Bankenwelt über eine deutlich gestärkte Bilanz verfügen.

7. Immer wieder hört man Aussagen wie: «Die Institutionellen kommen!” Damit ist gemeint, dass grössere Finanzinstitute auf den Markt der Kryptoassets treten und grossen Einfluss haben werden. Ist dies ein Faktor, auf den wir im Jahr 2020 achten müssen – oder können wir ihn einfach ignorieren?

Arthur: Also, ignorieren werden wir diesen Faktor auf keinen Fall! Die verschiedenen Anpassungen auf rechtlicher und regulatorischer Seite werden weitgehend dazu beitragen, dass institutionelle Anleger zunächst opportunistisch und später systematisch die Vorteile des Kryptoasset-Marktes nutzen können.

Trotz des verlängerten Kryptowinters sehen wir im Kryptobereich nun einen Innovationssommer – sowohl auf technologischer (denken Sie an Ethereum 2) als auch auf regulatorischer Seite (denken Sie an FATF und die Travel Rule). Und ich bin stolz darauf, verkünden zu können, dass wir mit der OpenVasp.org-Initiative sehr schnell ein neues Serviceangebot zum ETH2-Staking für alle unsere Kunden hinzugefügt und eine umfassende Open-Source-Lösung für den noch fehlenden «Krypto-SWIFT» gefunden haben. Wir sehen folglich an mehreren Fronten Fortschritte, die immer mehr Interesse bei den Institutionellen wecken werden.

8. Zwei Jahrzehnte nach der Jahrtausendwende haben wir viele monumentale Veränderungen in der Gesellschaft, der Wirtschaft und darüber hinaus erlebt. Welche Rolle wird Krypto in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren spielen?

Arthur: Das Preis-Leistungs-Verhältnis von Technologie wird sich weiter beschleunigen. Und entgegen dem, was die Medien uns weismachen wollen, wandelt sich die Welt zum Besseren. Die rasant wachsende Fülle in wichtigen Lebensbereichen (Wasser, Lebensmittel, Energie) wird es uns ermöglichen, den Sozialvertrag zwischen Menschen und bald auch zwischen Mensch und Maschine grundlegend neu zu formulieren! Aber natürlich wird es auf dieser grossartigen Reise in eine bessere Welt zwischendurch zu Turbulenzen kommen. Und solange Menschen aus dem aktuellen Holz geschnitzt sind, dürfte sich dies auch nicht ändern.

Als ich geboren wurde, lebten drei Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Zwei Milliarden lebten in extremer Armut. Heute gibt es mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Welt, und die Zahl derjenigen, die in extremer Armut leben, liegt weit unter einer Milliarde. Und dieser Trend wird sich fortsetzen. Unter der Annahme weiterer Fortschritte können wir extreme Armut bald ins Museum stellen, wie Professor Yunus (der bengalische Nobelpreisträger) es formulierte. Wenn Sie das mit der ständig zunehmenden Vernetzung der Menschen verbinden, werden Sie nicht umhin können, von massiven Innovationen jenseits aller Vorstellungskraft auszugehen. Aber lediglich darauf zu warten, dass alles besser wird, ist keine Option. Denn das Glück bevorzugt diejenigen, die vorbereitet sind. Deshalb müssen wir ständig aktiv und zum Handeln bereit sein. Unsere Kunden und Partner können sich dabei auf uns verlassen.

Niklas: Krypto wird eine grössere Rolle zukommen, als die meisten denken. Nach Jahrhunderten eines Finanz- und auch Gesellschaftssystems, das auf Vertretern, internen Hauptbüchern und zentralen Vertrauensparteien beruhte, werden nun Konsenssysteme, offene Hauptbücher und dezentrale Systeme praktisch alles grundlegend verändern.

9. Es gibt viele verschiedene Denkschulen zu Kryptoassets – und auch viele Mythen. Gibt es einige wichtige Mythen, die wir kennen müssen und die als solche entlarvt werden sollten?

Niklas: Ja! Kryptoassets wurden weder für dunkle Märkte noch für dubiose Geschäfte erfunden und verbreitet. Im Gegenteil, ihre Funktion besteht darin, das im Wesentlichen intransparente, ineffiziente und fehlerhafte System des zentralisierten Vertrauens und der zentralisierten oder delegierten Kontrolle, von dem in der Regel nur wenige (und nicht etwa viele) profitieren, zu ersetzen und zu verbessern.

Arthur: Ein Mythos? «Bitcoin hat keinen intrinsischen Wert.» Das von relativ gut ausgebildeten Leuten zu hören, überrascht mich immer noch ein bisschen. Noch ein Mythos? Satoshi Nakamoto.

10. Was hat die Schweiz in Bezug auf Kryptowährungen und Blockchain-Technologie bisher richtig gemacht? Wo gibt es Eurer Meinung nach Verbesserungspotenzial?

Arthur: Politik ist wichtig. Und in der Schweiz haben wir das Privileg, ein eher dezentrales, von unten nach oben regiertes politisches System zu haben. Und vor allem: Unser oberstes Organ, der Bundesrat, hat eine sehr innovative Einstellung zu den vielen Möglichkeiten dieser neuen Technologie. Das ist weltweit einzigartig und einer der Erfolgsfaktoren unseres kleinen Landes, das in vielen der innovativsten Bereichen eine derart globale Reichweite hat.

Niklas: Ja. Ich kenne nichts – vielleicht mit Ausnahme der Mona Lisa –, das nicht verbessert werden könnte. Daher halte ich es nicht für angemessen, hier Kritikpunkte aufzuführen.

Als ich vor etwa neun Jahren verschiedene Rechtssysteme prüfte und versuchte, einen Platz für mein zukünftiges Bitcoin-Unternehmen zu finden, war die Schweiz die beste Lösung. Ich habe bis heute das Gefühl, dass dies die richtige Entscheidung war, und ich kann das schweizerische Rechtssystem als Geschäftsstandort nur loben, ob im Kryptobereich oder anderswo.

  1. Homepage
  2. Interview mit Niklas Niko...