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Interviewed durch Ian Simpson

Ian Simpson: Was reizt einen ehemaligen Investmentbanker wie Sie an Kryptowährungen, digitalen Assets und Blockchains?

Roger Studer: Was mich reizt, sind die Freiheit, der Zweck, die globale Zusammenarbeit und ein Wachstumsmarkt mit enormen Möglichkeiten. Die traditionelle Finanzindustrie wächst im Vergleich dazu nur langsam und steht seitens der High-Tech-Branche unter massivem Druck. Ich möchte Teil dieser innovativen Wachstumsbranche sein. Mit der Bitcoin Suisse AG bin ich für ein Unternehmen tätig, das die Zukunft der digitalen Finanzdienstleistungsbranche mitgestalten und echten Mehrwert für unsere Kunden schaffen wird.

IS: Wie und wann sind Sie persönlich zum ersten Mal mit Kryptowährungen in Kontakt gekommen?

RS: Das erste Mal hörte ich von Kryptowährungen bei der Pizza-Transaktion 2010, als die ganze Idee noch in den Kinderschuhen steckte. Im Jahr 2013 habe ich mich dann erstmals aktiv daran beteiligt, als ein Bankkollege die Idee hatte, Finanzprodukte mit Bitcoin als Basiswert auszugeben.

IS: Wann haben Sie Kryptowährungen zum ersten Mal gekauft?

RS: Meine erste Investition in Bitcoin tätigte ich im Jahr 2015. Unsere Kunden wollten mit einem bankfähigen Produkt Anlagen in Bitcoin tätigen. Wir entwickelten daher das erste börsennotierte Bitcoin-Zertifikat, das ich auch persönlich erworben habe. Das Zertifikat ist immer noch ein enormer Erfolg.

IS: Als Leadinvestor der sehr erfolgreichen Serie-A-Finanzierungsrunde von Bitcoin Suisse sehen Sie offensichtlich grosses Potenzial, sowohl im Unternehmen als auch in der Branche. Um welche Art von Potenzial handelt es sich dabei?

RS: Die Disintermediation der Wirtschaft wird sich fortsetzen. Nicht nur in der Finanzdienstleistungsbranche, vom Zahlungsverkehr über Vermögens- und Geldtransaktionen bis hin zur Custody, sondern auch in jedem einzelnen Wirtschaftssektor weltweit. DLT wird ein wichtiger Treiber und Wegbereiter für diesen Wandel sein. Mit Bitcoin Suisse gehöre ich zu den führenden Experten der Branche, und wir verfügen bereits über ein skalierbares und profitables Geschäftsmodell.

IS: Was sagen sich die Leute Ihrer Meinung nach, wenn sie hören «Ehemaliger Investmentbanker bei Vontobel, jetzt Verwaltungsrat und Leadinvestor bei Bitcoin Suisse»?

RS: Ich habe zahlreiche positive Feedbacks erhalten – die meisten Leute verstehen die grossartigen Chancen, die diese Technologie und unser Unternehmen bieten. Dabei geht es aber nicht nur um Kryptowährungen, sondern auch um die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für die Finanzbranche. Bitcoin Suisse ist sehr gut aufgestellt, wir sind Technologieführer, wir sind innovativ, wir haben eine grossartige Unternehmenskultur und Unternehmensführung, unsere Community ist aktiv und wir sind hoch profitabel. Diese Kombination ist einzigartig.

IS: Sie verfügen über breitgefächertes Know-how im Bereich strukturierter Produkte, und genau für diese Produktart besteht Potenzial bei Kryptowährungen und digitale Assets. Wie einfach (oder wie schwer) wird es sein, die «technischen» Aspekte strukturierter Finanzprodukte mit der Technologie hinter Kryptowährungen und digitalen Assets zusammenzubringen?

RS: Angesichts der anstehenden DLT-Verordnung in der Schweiz und der DLT-Börsenlizenz kann die Community nun damit beginnen, den fehlenden Teil, nämlich die Handelsinfrastruktur für digitale Assets, zu bearbeiten. Für die Tokenisierung von Vermögenswerten wurde bereits eine Lösung gefunden, und am Markt sind sehr solide Custody-Lösungen verfügbar. Ich bin davon überzeugt, dass wir bis Ende nächsten Jahres über ein breites Anlageuniversum mit STOs verfügen werden.

IS: Es wird viel über die Tokenisierung von Vermögenswerten gesprochen, die bislang nicht bankfähig waren – Kunstwerke, Sammlerstücke und sogar Rinderzuchtbetriebe. Was braucht es, damit diese Assets wirklich «abheben» können? Welche Marktinfrastruktur, welche gesellschaftlichen Veränderungen und welche anderen Faktoren werden als Katalysatoren wirken?

RS: Ich rechne mit einer ersten Welle der Tokenisierung in Bezug auf bestehende Wertpapiere. Für KMUs eröffnet sich damit die grossartige Gelegenheit, auch ohne Börsennotierung handelbar zu sein. Eine zweite Welle, die mit der ersten Hand in Hand gehen könnte, erwarte ich für Anlageklassen wie Immobilien, Kunstwerke und so weiter, die bisher nicht verbrieft wurden und die nun von einem digitalen Marktplatz profitieren könnten.

IS: Welche vorhandenen Vermögenswerte eignen sich Ihrer Meinung nach am besten zur Tokenisierung? Aktien, Anleihen, Immobilienanlagen, Weinsammlungen?

RS: Alle, die Sie genannt haben, und noch viele weitere. Ich bin überzeugt davon, dass alle Assets irgendwie und irgendwann tokenisiert werden können. Bis dahin wird aber wahrscheinlich noch einige Zeit ins Land gehen. Sicher ist jedoch, dass sich Bitcoin Suisse als einer der führenden Serviceleister in der Branche etablieren wird.

IS: Das Schweizer Parlament hat kürzlich einstimmig einer neuen DLT-Regulierung zugestimmt. Glauben Sie, dass die Schweiz damit einen Vorteil gegenüber anderen Märkten für Krypto-Finanzdienstleistungen hat?

RS: Ich kann Bereitschaft bei allen Stakeholdern spüren. Die Schweiz muss aber mit anderen Ländern zusammenarbeiten, um globale Standards zu etablieren. Je einheitlicher die Standards sind, desto vorteilhafter wird die Disintermediation für die Gesellschaft sein und desto mehr neue Dienstleistungen werden auf den Markt kommen.

IS: Was werden die Schlüsselfaktoren sein, damit Bitcoin Suisse das Potenzial auf dem Krypto- und digitalen Assetmarkt voll ausschöpfen kann?

RS: Einfach weiter machen und genauso hart arbeiten wie bisher. Nah an unseren Kunden und an der Technologie sein. Unsere Vision der digitalen Finanzdienstleistungsbranche zum Leben erwecken.

IS: Sie wurden kürzlich mit den Worten zitiert: «Wenn Sie ein traditionelles Geschäftsmodell betreiben, muss ein Gleichgewicht zwischen dem Management neuer Technologien, den Investitionen in neue Geschäftsmodelle und dem Einsatz alter Geschäftsmodelle hergestellt werden.» Wie offen sind Institute wie Vontobel und andere grössere und kleinere Banken für neue Technologien wie Blockchain?

RS: Ich habe festgestellt, dass in der Finanzbranche, aber auch in der Wirtschaft insgesamt, grosses Interesse an der Blockchain-Technologie besteht. Die meisten traditionellen Unternehmen stehen jedoch vor einem Dilemma. Versetzen Sie sich einmal in die Lage des Inhabers eines mit Pferden betriebenen Fuhrunternehmens zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Jede Investition in motorisierte Laster stellt Ihr bestehendes Geschäft in Frage und kann dessen Ende bedeuten. Es braucht Mut, Weitblick und vor allem Unabhängigkeit, um die Geschäftsmodelle der Zukunft zu implementieren und umzusetzen.

IS: Was sind Ihrer Ansicht nach die grössten Herausforderungen bei der Weiterentwicklung von Krypto-Finanzdienstleistungen?

RS: Meiner Einschätzung nach gibt es drei Elemente, die für die Digitalisierung der Finanzdienstleistungsbranche – basierend auf der Blockchain-Technologie – benötigt werden.

Die Tokenisierung von Assets ist technisch überschaubar und problemlos durchführbar. Der Umtausch von digitalen Währungen oder der Handel mit digitalen Assets ist oder wird in Kürze möglich sein. Die grössten Herausforderungen dürften meiner Ansicht nach bei der zuverlässigen Lagerung und Verwahrung der Billionen USD an Geldern und Vermögenswerten von institutionellen Anlegern entstehen.

IS: Der jüngste Wachstumsboom an den US-Aktienmärkten wurde weitgehend von Privatanlegern geschürt – mithilfe neuer Plattformen wie Robinhood. Glauben Sie, dass sich dieser Trend auch auf die Krypto- und digitalen Asset-Märkte übertragen könnte? Oder liegt das eigentliche Potenzial überwiegend bei institutionellen Investoren wie Pensionskassen und externen Vermögensverwaltern?

RS: Investments an den Börsen werden weiterhin überwiegend von institutionellen Investoren getätigt. Doch es stimmt, dass Privatanleger wichtige Early Adopters neuer Technologien sind und ihnen somit eine wesentliche Rolle bei der weiteren Digitalisierung der Finanzdienstleistungsbranche zukommt.

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